Im Peer-Center geniert sich niemand

Wenn die Psyche erkrankt, tun Peer-Berater einfach gut. Sie haben selber psychische Erkrankungen durchgemacht.

Am 10. Oktober ist der internationale Tag der psychischen Gesundheit. Da ist wichtig anzumerken: Psychische Erkrankungen stigmatisieren noch immer.  Das macht  es Betroffenen schwer, etwa offen über  Depressionen oder Zwangserkrankungen zu reden.  In  Salzburg Stadt und Zell am See will das eine Handvoll Frauen und Männer, die selbst psychische Erkrankungen durchgemacht haben, ändern.

Erste Genesungsbegleiter

Kürzlich haben die zwei ersten „Genesungsbegleiterinnen“ im Bundesland  ihre Ausbildung abgeschlossen. Neben Michaela Grün ist das Schwester Michaela  Lerchner von den Halleiner Schwestern.  „Ich bin selbst 2006 in eine schwere Depression gefallen“, schildert die Mitt-Sechzigerin. Die Abgründe, die sie damals am eigenen Leib erlebt und die Jahre dauernde Genesung gaben ihr etwas sehr Wertvolles: Persönliche Erfahrung. Die Schwester versteht, wie es sich anfühlt, wenn man völlig antriebslos, kraftlos, freudlos ist und  sich betroffene Menschen fragen: „Wie lange soll es so weiter gehen? Habe ich die Kraft zum Durchhalten?“ Bei ihr selbst war es  so: Wo vorher geschäftiges Arbeiten  den Alltag bestimmte, machten sich Hilflosigkeit, Angst und das Gefühl, nur ihr allein gehe es so schlecht, breit. Was ihr damals geholfen hätte? „Wenn mir jemand gesagt hätte, ,Ich habe auch einmal so eine schlimme Zeit erlebt’.“

Ärzten fehlt diese Erfahrung

Genau das macht Schwester Michaela seit drei Jahren im Peer Center Salzburg – und neuerdings mit fundierter Ausbildung. In zwei Räumen und einem  Raucherzimmer in Kiesel-Nähe beraten vier Frauen und ein Mann  psychisch erkrankte Menschen. Peers sind die fünf, weil sie Krankheit und, besonders wichtig, Genesung selbst erlebt haben. Sie können die Gefühle, Ängste und Schwierigkeiten psychisch Erkrankter gut nachvollziehen. Diese  Erfahrung fehle den meisten Psychiatern und Ärztinnen. „Sie haben die  Krankheitsbilder von Depression, Schizophrenie oder Zwangsstörung erlernt, aber nicht erlebt“, betont Schwester Michaela. Darum sei die Peer-Beratung neben der ärztlichen Behandlung eine so wichtige Säule für Betroffene.

Hauptsache, man kommt ins Reden

Eine Besucherin der kostenlosen Gesprächsrunden (eine mit Frühstück, eine mit Malen, eine zum Thema Wahrnehmung) bringt die Besonderheit des Peer Centers so auf den Punkt: „Hier sind alle gleich und man braucht sich nicht zu genieren.“ Ein anderer  Gast meint: „Die Hemmschwelle, zu Professionellen zu gehen, wird durch die Gruppe erleichtert.“ Vielleicht es auch die gewisse Lässigkeit, die im Peer Center vorherrscht. Hier ist alles möglich, lautet die Devise. So würde eine Ordensfrau wie Michaela selbst nie zur Zigarette greifen, ermöglicht den Besuchern aber bei jeder Gesprächsrunde mindestens eine (Rauch-)Pause.

„Hauptsache, man kommt ins Reden und wenn es im Raucherkammerl beginnt“, lacht die Leiterin des vom Land Salzburg finanzierten Peer Centers. Sie weiß: Es kann wieder bergauf gehen, auch wenn es dauert, auch wenn man nicht mehr leben will. Sie selbst habe jahrelang ihr Umfeld  „schwarz-weiß“ wahrgenommen. Bis der Tag gekommen sei, „an dem ich plötzlich wieder die Farben der Blumen gesehen habe“. Hin zu ihren ganz persönlichen Schlüsselerlebnissen wollen die Peers noch viele andere Menschen begleiten.

Selber Peer werden

Weitere ehrenamtliche Peers sind  im Peer Center immer willkommen. Voraussetzung ist eigene Erfahrung mit Psychiatrie, mit Psychopharmaka und mit Psychotherapie. Genauso wichtig ist es, dass neue Peers psychisch stabil und teamfähig sind.  Auf professionelle Ausbildung legt man weiterhin Wert. Im Jänner 2019 werden die nächsten zwei Genesungsbegleiterinnen mit ihrer Ausbildung fertig. Sie beraten Betroffene in der Pinzgauer Peer Center-Zweigstelle Zell am See.

Tag der offenen Tür am 19./20. Oktober

Tag der offenen Tür, Fr., 19. Oktober von 13 bis 17 Uhr und Sa., 20. Oktober von 10 bis 16 Uhr, Peer Center Salzburg, Lessingstr. 6, Salzburg, Bushaltestelle: Kiesel. Keine Anmeldung erforderlich.
Details: www.peercenter.at

Von Sabine Tschalyj