Sogar in Kirchen wird ordiniert

Salzburger Ärzte helfen in ärmsten Gebieten der Welt. Freiwillig. Als „Austrian Doctors“ versorgen sie Menschen im Busch und in Slums.

Vor seiner Pensionierung leitete Christian Gross das Institut für Heilpädagogik in Salzburg-Taxham und eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er weiß: 60 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt ein Arzt heute vor dem Computer.

Bei seinen Einsätzen für die Hilfsorganisation Austrian Doctors, die Menschen in den ärmsten Regionen der Welt medizinische Versorgung und (Schul-)Bildung bietet, sei das ganz anders: „Man kann Arzt sein, so wie man es sich vor dem Studium vorgestellt hat. Man arbeitet mit Händen, Augen, Ohren, mit einfachsten Mitteln unmittelbar am Menschen“, sagt Gross.

Seit 2006 ist er einmal jährlich ehrenamtlich für sechs Wochen als Austrian Doctor im Ausland aktiv. Die Hilfsorganisation, die vor zehn Jahren als Partnerorganisation der German Doctors von den Salzburger Ärzten Werner Waldmann und Christian Gruber gegründet wurde, geht nicht in Kriegsgebiete. Sie setzt auf langfristige, nachhaltige Hilfe und hat sich auf Dauerzentren in großstädtischen Slums spezialisiert – etwa in Indien, Bangladesch und Kenia. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf ländlichen, medizinisch unterversorgten Gebieten.

„Man ist dankbar, dass man dort sein darf, und dankbar, wenn man wieder zurückkommt“, sagt Christian Gross zurück in Salzburg über seine Einsätze als Austrian Doctor. Foto: Suchanek

Um zu den Menschen im Busch oder in den Bergen zu gelangen, wurden Jeeps zu rollenden Kliniken umfunktioniert. „Das ist oft abenteuerlich“, lacht Gross. Ohne lokale Brückenbauer wie Übersetzer und Sozialarbeiter, mit denen die Austrian Doctors zusammenarbeiten, geht da gar nichts.

Improvisation ist bei diesen Einsätzen ohnedies das Gebot der Stunde. In einem Bergdorf auf den Philippinen hat man kurzerhand eine Kirche, das einzig feste Gebäude der Gegend, in eine Praxis umgewandelt. Gross: „Ich habe am Altar Rezepte geschrieben.“ Hinter einem Paravant wurden die Patienten behandelt. Die Kirchenbänke waren voll. „Das ist öffentlich, die Menschen hören mit, und manche geben Ratschläge. Das ist zum Teil auch lustig.“

Arbeit nah am Menschen: Bis zu 70 Patienten pro Tag

Bis zu 70 Patienten pro Tag behandelt ein Austrian Doctor. In den Slums treten oft Tuberkulose, Asthma, Hautkrankheiten, Mangel- und Fehlernährungen, und in Indien auch genetisch bedingte Diabetes auf.

In Kenia ist HIV ein großes Problem, in Sierra Leone Malaria. „Von sieben Kindern, die in Sierra Leone auf die Welt kommen, überleben zwei“, so Gross. In dem von den Austrian Doctors geleiteten Buschkrankenhaus wird mit einfachsten Mitteln behandelt und operiert, erst seit dem Vorjahr gibt es Röntgen. Das größte Problem: „Bis die Menschen zu uns kommen, sind sie schon schwerkrank. In Österreich würden diese Kinder alle auf der Intensivstation landen.“

Natürlich sei der Einsatz psychisch fordernd, nicht alle Kollegen würden es schaffen, erzählt Gross. Aber es gibt auch viele, die Feuer fangen so wie er. Denn: „Die Menschen sind dankbar, lachen viel. Sie haben Sorgen, aber nicht diese Pseudosorgen wie wir. Man ist dankbar, dass man dort sein darf, und dankbar, wenn man wieder zurückkommt.“

Die Zustände in den Slums sind verheerend, die Menschen haben aber ihr Lachen nicht verloren. Fotos -2-: Austrian Doctors

Austrian Doctors: Mit Spenden finanziert

Manchmal sind die Erwartungen der Patienten sehr hoch. Im indischen Kalkutta werden wie im Westen Herztransplantationen durchgeführt, die Menschen in den Slums wissen, was die Medizin kann. Aber: „Wir haben zum Beispiel nicht die Möglichkeit, Chemotherapien durchzuführen“, sagt Gross, das verstünden nicht alle Patienten.

Denn sie haben oft keine Chance. Privatkliniken sind teuer und in ein staatliches Krankenhaus kommt nur, wer sich nicht mehr auf den Beinen halten kann und jemanden hat, der ihm Essen ans Krankenbett bringt und ihn pflegt.

Dass die Austrian Doctors auch medizinisches Personal vor Ort ausbilden und Schulen betreiben, findet Gross sehr wichtig. Medizinische Versorgung helfe dem Einzelnen, doch nur Bildung könne langfristig etwas ändern. Die Arbeit sei in der Heimat nicht zu Ende: „Man überlegt, was man zuhause tun kann, um im Ausland noch mehr helfen zu können.“

Denn die Austrian Doctors finanzieren sich nur über Spenden (steuerlich absetzbar). Deshalb sind sie jedes Jahr beim Adventmarkt am Alten Markt mit einem Stand vertreten und organisieren Benefizkonzerte.

Infos und Spendenmöglichkeit: www.austrian-doctors.at

Von Petra Suchanek