Der Gottvater wohnt in Sizilien

Ein Reisebericht aus dem Süden. Zu jenen Menschen, die ganz viel Teatro buffo machen. 

Catania im Juli 2018. Der erste Schritt aus der klimatisierten Flughafenhalle hinaus ins Freie fühlt sich an, als bekäme man einen dumpfen Schlag. Schwüle 40 Grad im Schatten, kein Lüftchen weht, Beton und Mauern strahlen wie Backöfen.

Sizilien, Italiens größte Insel, ist nur 145 Kilometer von Afrika  entfernt und bekommt afrikanische Wetterlagen mit. Wenn der Scirocco, der heiße Wüstenwind aus der Sahara, sich nicht feuchter Luft über dem Mittelmeer auflädt, hat es eine trockene Hitze. Die ertrage man besser, sagen die Einheimischen. Die schwitzen übrigens auch, aber sie pappen sich keine lächerlichen Strohhüte auf den Kopf und wirken auch bei größter Hitze noch elegant.

Mit einer Stunde Verspätung kommt der Bus nach Taormina. Pazienza, Geduld, sagt man im Süden. Sonst macht dich das Chaos des Lebens verrückt. Taormina? Si Signora, prego Signora! Die italienische Sprache hat eine sympathische Besonderheit, die glücklich macht und die das Deutsche nicht kennt: Man spricht einander stets mit der Höflichkeitsform an. Das hebt.

Mafia und Teatro Buffo

Dann, auf der Fahrt, das hässliche Phänomen des Südens: Der öffentliche Raum ist erbarmungslos zugemüllt. Verbrauchtes wird in die Natur geschmissen, Kaputtes, Zerbrochenes nicht angerührt. Rost und Stadtbrachen harren der Taten. Für Ökos ist es ein Bild aus der Hölle, eine Zivilisationsschande,  gespeist aus Mentalität, Armut, Deprivation.

Doch am Ende  kann man sich der Schönheit dieser Insel nicht entziehen. Das Blau des Meeres und des Himmels – blu-dipinto-di-blu – ist von einer Intensität und Tiefe, die Sehnsucht und Fernweh seit je beflügeln. Vor den terrassenförmig abfallenden Küsten ankern die Luxusyachten reicher Araber und Russen, im Hintergrund der Ätna, von dem man nie weiß, wann er feuert.

Im Landesinnern ist das alte Sizilien. Steinerne Bergdörfer kleben wie leere Nester an steilen Serpentinen – ganze Generationen von Jungen  haben diese Dörfer ohne Arbeit verlassen. In dieser Welt entstand die Mafia, eine archaische Gegenwelt aus kriminellen Familienclans.

Als Tourist kommt man mit ihr nicht in Berührung. Allerorten gibt es jedoch Mafia-Kitsch. Der Hollywood-Blockbuster  „Godfather“ (Der Pate) erzählt die Geschichte des sizilianischen Berufsverbrechers Vito Cascio Ferro (1862-1943), der als Don Vito Corleone (Marlon Brando) in New York ein großer Mafiaboss wurde. Auch  im Bergdorf Savoca wurde gedreht.  In der  Bar Vitelli läuft die wehmütige Filmmelodie in Dauerschleife.

Nur in Sizilien, heißt es, erlebe man das echte Italien. Gemeint ist wohl dieser nicht zerstörbare Geist: Sizilianer sind Wortakrobaten, sie haben Mutterwitz, sie schimpfen über Rom  – und machen weiter. Sizilianer, das sind Leute, die ganz viel Teatro Buffo machen.

Sonja Wenger