Ihre Familie schickte sie in die Wüste

Eine Pakistani lebte mit Mann und Kindern in Salzburg. Doch das Leben in der Großfamilie wurde zur Hölle. 2015 verstieß man sie in die Emirate.

Es ist eine Geschichte aus dem muslimischen Milieu, die wie aus der Vormoderne anmutet. Eine aus Pakistan stammende, in Salzburg lebende und mit der österreichischen Staatsbürgerschaft ausgestattete Großfamilie verstieß ihre Schwiegertochter, weil sie ihrer überdrüssig wurde.

Magistrat akzeptierte Scharia-Scheidung

Die 35-jährige Misbah A. wurde 2015 im Zuge eines schrillen Konflikts von Islamabad nach Dubai gelotst, wo sie aufwuchs und ihre Eltern leben. 2016 vollzog ihr Ehemann (39) in Pakistan die Scheidung nach einem islamischen Ritus aus dem 6. Jahrhundert: Er sprach drei Mal das Wort talaq (sinngemäß: Du bist frei) – und schon saß seine Frau rechtlos im Wüstenemirat fest.

Denn sie ist in dem Stück die einzige Person ohne österreichischen Pass. Der Magistrat akzeptierte die steinzeitliche Ehetrennung zunächst umstandslos, das SF berichtete. Erst mit Hilfe einer unabhängigen Richterin, die auf Österreichs Wertesystem verwies, konnte die dreifache Mutter nach drei Jahren nach Salzburg zurückkehren. Nun erzählt sie ihre Odyssee.

Es zählten jetzt nur noch ihre Kinder (13, 10 und 6). Sie gehen in Salzburg zur Schule und wurden der Mutter entfremdet. Ihre Mutter sei schlecht, sie habe einen anderen und die Kinder verlassen, behauptete der Vater beim SF-Lokalaugenschein immer wieder. „Fragen Sie die Kinder, fragen Sie sie!“

Laut den Aussagen zweier Familienmitglieder könnten die Kinder nach Pakistan verbracht werden, erklärt Anwalt Rainer Lukits. Auch das Jugendamt hat nun Gefahr im Verzug verhängt, die Obsorge beantragt und den Vater aufgefordert, die Pässe der Kinder zu überbringen. Was bislang nicht erfolgt sei.

Misbah A. weint, als sie ihre Ehe Revue passieren lässt. Mit 24 eine Liebesheirat innerhalb der Verwandtschaft (der Großvater des Ehemanns ist der Cousin der Brautmutter), wie dies im islamischen Kulturkreis nicht unüblich ist. „Wir waren glücklich“, sinniert die Pakistani und zupft rasch ihren Schleier zurecht, wie um in die Wirklichkeit zu wechseln.

„Ich konnte es ihnen nicht recht machen“

Aber den Schwiegereltern hätten tausend Dinge missfallen. „Sie hatten ständig etwas an mir auszusetzen. Was ich tat, was ich kaufte, wohin ich ging. Nichts passte“, schildert die junge Frau in tadellosem Englisch.

Die Macht und Entscheidungsgewalt liege beim Schwiegervater, der einstige Pizza-Gastronom herrsche mit strenger Hand. Ihm überantwortete man die Formalitäten für ihr erstes Einreisevisum – das sie auch nach zwei Jahren noch nicht in Händen hielt, weil die österreichische Botschaft von nichts wusste.

Er nahm den Goldschmuck der Braut in seine Obhut, angeblich, um ihn im Safe zu verwahren – bis heute hat die 35-Jährige ihr Gold nicht wiedergesehen. Ihr Schwiegervater gelte in Pakistan als reicher Mann. Die Familie besitze in der Heimatstadt Taxila Immobilien, darunter eine „Plaza“ mit 15 Shops.

In Salzburg stellte die Familie sich an den Schaltern des Sozialstaats an, bezog zigtausende Euros aus Sozialhilfe, Notstandshilfe, Überbrückungshilfe, Arbeitslosengeld, Kinderbeihilfe. Allein beim Sozialamt der Stadt spricht man von 32.000 Euro.

In Liefering erhielt man eine günstige Gemeindewohnung, die immer wieder leer steht, da man zwischen den Welten pendelt. „Alle sechs Monate sind mein Mann und mein Schwiegervater wegen des Geldes von Pakistan nach Salzburg geflogen“, so Misbah A.

Irgendwann habe die Familie eine fixe Idee erfasst. Die Schwiegereltern fürchteten, das Paar könne mit den Enkelkindern nach Dubai übersiedeln. Die ganze Verwandtschaft, ja die Community habe sie bedrängt: „Don’t go, don’t go to Dubai. Stop that.“

Eine fixe Idee erfasste die Verwandtschaft

In Pakistan kam es zum letzten Akt mit bizarren Streitereien, hysterischen Telefonaten. Über Lautsprecher rief der Sohn die Mutter in Salzburg an, schrie: „Sie will die Scheidung!“ – „Dann gib ihr die Scheidung, jetzt, sofort!“ Sie habe nur noch Angst gehabt und eingewilligt, allein nach Dubai zu fliegen, der Mann und die Kinder würden nachkommen.

„Ich hatte nichts als meine Kleider und die Schuhe am Leib.“ Denn ihr Mann habe ihr alles, die Visumskarte für Österreich und rund 8000 Euro Erspartes, schon vorher abgenommen, um es „vor Diebstahl“ schützen. Als von ihm ein Selfie kam – er und die Kinder im Flugzeug nach Salzburg, letzte Grüße „bye, bye“ – dämmerte der Verfemten die bittere Wahrheit.

„In meiner Religion muss man die Ehe durchhalten, das ist das Gebot. Daran habe ich geglaubt“, sagt die 35-Jährige. Misbah A. will jetzt um die Obsorge für die Kinder kämpfen. Zumindest dieses Verfahren wird nach heimischem Recht geklärt.

Preuner lässt Sozialhilfebezug prüfen

Bürgermeister Harald Preuner will die Causa der pakistanischen Großfamilie nun prüfen lassen. „Das Sozialamt wird sich anschauen, ob allenfalls Sozialhilfemissbrauch vorliegt. Die Möglichkeiten in Pakistan zu recherchieren, sind begrenzt“, meint Preuners Sprecher.

Der 39-jährige Ehemann wollte sich dem SF gegenüber nicht mehr äußern, meinte, mit welchem Recht man ihn frage? Im März hatte er noch von der „großen Schande“ berichtet, die seine Frau über die Familie gebracht habe. Sie habe die Kinder verlassen, er habe sie „angefleht, zurückzukommen“. A.s Anwalt Wolfgang Zankl wollte ebenfalls keine Stellungnahme abgeben.

Misbah A. hat diese Version stets zurückgewiesen. Das Landesverwaltungsgericht glaubte der Frau, forderte den Magistrat auf, ihren Antrag auf Rückkehr neu zu behandeln. Misbah A. sei „in den Vereinigten Arabischen Emiraten förmlich ausgesetzt worden“, heißt es im Beschluss des Gerichts.

Von Sonja Wenger