Das nächste Level freigespielt

Letztens hab ich vom Balkon nach den Kindern gerufen: „Raufkommen, Essen ist fertig!“ Was daran so besonders ist?

Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber ich habe viele, viele Jahre auf diesen Moment gewartet. Ich habe so lange Babygebrüll analysiert und Gnackgackwindeln gewechselt, ich hab Brei gekocht und gefüttert und danach die Wohnung gekärchert, ich hab wieder und wieder gesagt „Nicht da rauf, nicht, okay, ich helf dir runter“, ich hab als menschliche Gehhilfe beim Laufenlernen fungiert, bis mein Rücken gekracht hat, hab Hindernisse aus dem Weg geräumt und vor heranbrausenden Autos gewarnt, kurz gesagt: Ich hab meine Kinder nicht aus den Augen gelassen.

Karikatur Thomas Selinger Bild: www.seli.at

Konnte ich nicht, die waren ja noch klein. Aber jetzt. Haha! Wir haben im Spiel des Lebens ein neues Level freigeschaltet: Es heißt „Out of sight“ und es ist das bisher beste.

Weil ich wieder einen viel größeren Radius hab, weil ich niemanden mehr auf meiner Hüfte sitzen hab, bis ich ganz schief bin, weil sich keiner mehr an mein Hosenbein klammert, weil jeder aufs Klo geht und selber wieder runterklettern kann von da, wo er rauf ist. Meistens jedenfalls.

Die Kinder dürfen allein vors Haus gehen, zum Spielen und Radfahren – und wenn Sie als Helikoptereltern grad eine Herzattacke bekommen, atmen Sie ruhig, da ist ein großer Parkplatz –, sie dürfen bei Gasthäusern allein zum Spielplatz, sie dürfen im Freibad herumsausen (ja, sie können beide schwimmen).

FREIHEIT! Von meinen Freundinnen mit Kleinkindern, die noch gern Steine, Plastikmüll und Bienen essen, bekomm ich neidische Blicke, bei denen ich denke: I feel you! Diese neue Unabhängigkeit ist großartig – nicht nur für mich, auch für die Kinder.

Sie genießen das Vertrauen, das ich ihnen entgegenbringe, wenn ich ihnen Geld gebe und sie zum Kiosk gehen lasse, auch im Urlaub, obwohl sie kein Spanisch können, das schaffen sie schon irgendwie, sie meistern diese Herausforderungen und wachsen daran.

Jedes Mal kommen sie strahlend zurück und sehen fünf Zentimeter größer aus. Und bringen mir Eis mit, das ist sehr praktisch. Mir scheint, denen taugt das alles sogar noch mehr als mir, und manchmal bin eher ich diejenige, die das Zusammenkleben der ersten Jahre vermisst. (Die Gnackgackwindeln allerdings nicht.)

Als ich letztens die Hand meines Sohnes nehmen wollte, nicht, um ihn bei mir zu halten, sondern einfach nur so, hat er mich angeschaut und gemeint: „Okay, Mama, du darfst“, und er hat mir seine Hand gegeben, die nicht mehr so klein ist wie früher, „aber nur kurz.“

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin.  Mail: interaktiv@svh.at