Özil und die Lust am Jammern

Salzburgs Türken über Alltagsrassismus und Sport als Integrationsmotor.

Der theatralische, in drei Abgesängen und auf Englisch kommunizierte Abgang des deutschen Nationalspielers Mesut Özil hat eine Debatte um Diskriminierungserfahrungen ausgelöst. Unter #metwo (zwei Herzen in meiner Brust) berichten Migranten vom Ankommen in der Gesellschaft und den Kränkungen des Lebens.

„Rassismus-Weltmeister“

Auch in Salzburgs türkischer Community wird heftig diskutiert. So stellte SPÖ-Gemeinderatskandidat Tarik Mete auf Facebook die Özil-Frage – und erntete die üblichen Kommentare von menschlich nachvollziehbar bis hin zu hysterisch, politisch fremdgesteuert.
Deutschland sei  „der Rassismus-Weltmeister 2018“, meint etwa User Ama P. (Profil: „Institut für Religionswissenschaften“). „Alle Muslime und  alle Fußballer mit Migrationshintergrund sollten Özils Beispiel folgen und die Nationalmannschaft verlassen“, findet Cinar M. Viele hätten Özil „den Erfolg nicht gegönnt, mitunter oder insbesondere weil er ein Türke ist“, glaubt Suat L. Und nur darauf gewartet, „bis sie einen  geeigneten Grund finden, um über ihn herzufallen.“

Viele erlebten Förderung

Die Diskussion sei „unglaublich entgleist“, urteilt Tarik Mete. „Gerade der Sport ist ein   Integrationsmotor, wo man als Mannschaft gemeinsam etwas schafft, unabhängig woher man stammt.“ Özil werde zum Sündenbock gemacht,  aber  die Larmoyanz, die die Debatte auf weiten Strecken prägt, gefällt  auch Mete nicht. „Es gibt Alltagsrassismus, ich wäre aber nicht dort, wo ich jetzt bin, wenn meine Volksschullehrerin  mich nicht gestützt hätte oder meine Gymnasiumsklasse mich nicht angenommen hätte. Ich bin gegen diese depressive Haltung, die da gestreut wird.“

Aber auch hässliche Begegnungen

Fußball ist ohne Migranten nicht mehr denkbar. Beim SAK 1914 (Nonntal)  spielen bis zur 2. Kampfmannschaft Afghanen, Tschetschenen, Syrer, Bosnier, Serben, Türken, Asylbewerber, schildert Obmann Josef Penco. 2015 habe man 18 Flüchtlinge  trainieren lassen. „Die haben  nie Fußball gespielt, die sind mit Gummistiefeln zum Training gekommen.  Sie haben uns leidgetan.  Nach 14 Tagen haben wir sie nicht mehr gesehen“, so  Penco.
Hasan Azat trainiert das SAK-Ersatzteam. Der 34-jährige Laborant ist in Salzburg geboren, österreichischer Staatsbürger. Er findet: „Özil ist zu hart kritisiert worden. Dass die türkischen Medien Deutschland als Nazi- und Rassistenland darstellen, ist auch nicht richtig.“ Man vertrage sich beim Sport, das liege in der Natur der Sache. „Wenn Schimpfwörter fallen, ist das bei den Zuschauern schlimmer.“ Die Migranten, mit denen das SF sprach, schilderten durchwegs lebensnahe Erfahrungen. Klar gebe es die hässlichen Begegnungen mit Österreichern, meint ein Sportfunktionär mit gutem Beruf. „Türke, du nimmst mir meinen Arbeitsplatz weg, Scheißtürken, Scheißausländer. Das wird gesagt, angetrunken, nüchtern. Ich lache dann. Ich lasse mich nicht kleinkriegen.“ In der Arbeit seien die Beziehungen ohnedies sehr gut.

Maulkorb im Türken-SV

Doch nicht alle Türken dürfen offen reden. Beim SV Türkgücü, der sich Integrationsverein nennt und von der Arbeiterkammer unterstützt wird, antwortete der Vorstand mit einem Maulkorb-Email: Man äußere sich nicht. Erwin Josef Himmelbauer,  Präsident des Vereins „Sport spricht alle Sprachen“ und Initiator der „Casinos Austria Integrationsfußball WM“ meint zur emotionalen Debatte: „Der Fußball hält das aus. Und nicht alles, was einem nicht gefällt, ist gleich Rassismus.“

Sonja Wenger

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