Herrscht im OP-Saal bald Schweigen?

Ärzte klagen über Auswüchse beim Datenschutz. Man diskutiert, was über Patienten überhaupt noch geredet werden darf.

Wenn viele Richtlinien der EU den Betroffenen sonst wo vorbeigehen, beim Datenschutz ist es anders. Die neue Verordnung entfaltet eine Macht und Suggestivkraft, die bis hinein in die berufliche Alltagskommunikation wirkt. Einschüchternd wirken die Strafdrohungen in Millionenhöhe, die das übliche Mikromanagement beim Regelwerk begleiten.

Unter Ärzten wird nun etwa diskutiert, was überhaupt noch über Patienten oder im OP-Saal geredet werden darf, ohne dass man im Kriminal steht. Denn es gibt  bereits erste Beschwerden.
Eine Klientin wandte sich an das Gesundheitsministerium und monierte, dass es in Arztpraxen üblich sei, „von der Sprechstunden-Assistentin vor allen anderen Menschen gefragt zu werden, warum man da sei.“ Die Salzburger Ärztekammer erinnerte ihre Mitglieder daraufhin an die gesetzliche Vertraulichkeit des  Arzt-Patienten-Gesprächs: Diese Privatsphäre sei auch bei der Anmeldung und im Warteraum zu wahren.

Die Dorftratschen  im Wartezimmer

Kammersprecher Georg Fuchs schildert, man habe    eigene  Checklisten erarbeitet und die Verordnung von juristischer Seite vorbereitet. „Der Schutz von personenbezogenen Daten ist grundsätzlich etwas Gutes, aber das soll  menschlich und nachvollziehbar bleiben. Die europäische Verordnung schießt darüber hinaus. Es ist eine Vervielfachung des administrativen Aufwands, ein weiteres bürokratisches Monster.“  In Hausarztpraxen und zu Stoßzeiten könne die Wahrung der Intimsphäre  schon einmal zum Problem werden,  vor allem, „wenn die drei dorfbekannten Tratschen im Wartezimmer sitzen und ganz lange Ohren kriegen, was der Herr X und die Frau  Y jetzt haben“  (Fuchs). Tatsächlich geht es der EU um digitale  Daten und (noch) nicht ums Geschwätz  der Leute,  das ohnedies anarchisch   ist. Der  Popanz um persönliche Daten erzeugt jedoch immer mehr Auswüchse.

Datenschutz contra medizinische Sicherheit

Die Spitäler haben für den OP-Betrieb standardisierte Verfahren wie aus der Fliegerei übernommen, die ein Maximum an Identifizierbarkeit schaffen. Patienten durchlaufen ein präzises Prozedere, bei dem ein Maximum an intimen Daten offen gelegt wird. „Ärzte und Pflegepersonal haben Checklisten, die sie im Team und in Gegenrede abarbeiten. Man hat in den letzten Jahren stark auf diese Sicherheitsstandards abgezielt“, erklärt Nikolaus Hofmann, Anästhesist und stellvertretender ärztlicher Direktor des Wehrle-Diakonissen Krankenhauses in Aigen.

„Es ist alles mühsamer geworden“

So wird der Patient vor der Narkose mehrmals namentlich angesprochen, zum Eingriff befragt. Anschließend erfolgt das Team-Time-Out, eine Zeitspanne, „in der alle stehen und ruhig sind“ (Hofmann). Eine OP-Schwester verliest abermals Name, Geburtsdatum, Allergien, stellt alle möglichen Fragen an den Operateur: Was operieren Sie? Besteht ein Blutungsrisiko? Ist das  Equipment da, usw.? Damit hätten sich viele Fehler aufgehört, meint der langjährige Anästhesist Hofmann. Aber: Die neuen  Datenschutzbestimmungen   würden diese Bemühungen konterkarieren. „Sie erhöhen die Sicherheit nicht“, so Hofmann.
So dürfen auf dem großen Flatscreen im OP-Bereich keine Patientennamen  mehr stehen. „Viele Kollegen empfinden das als Beeinträchtigung“  (Hofmann).
Auch das alte OP-Buch in Papierform gibt es nicht mehr, da es Dritte einsehen könnten. Die Dokumentation erfolgt nun aufwändig im PC. Laborbefunde dürfen nicht mehr gefaxt werden, außer man steht wartend  daneben, um es abzufangen. „Es ist mühsamer und schwieriger geworden, einen schriftlichen Befund  zu bekomme. Ich muss telefonieren, was die Fehlerquelle erhöht“, sagt Mediziner Hofmann.

Patientennamen auf Flatscreen verboten

Auch den Apothekern ergeht es ähnlich. Rezepte werden nun unter einem Code bestellt, erklärt Kornelia Seiwald, Präsidentin der Salzburger Apothekerkammer. „Es dürfen keine Kundendaten weitergegeben werden. Wenn wir das mit Code geliefert kriegen, müssen wir sehr genau schauen. Früher stand oben Sabine Müller, jetzt ist es schwieriger und fehleranfälliger“, so Seiwald. Alle Besitzer von elektronischen Apotheken-Kundenkarten, auf denen Name, Sozialversicherungsnummer und Medikation gespeichert sind, müssen lange Zustimmungserklärungen in Sachen Datenschutz unterschreiben. „Wir mussten 6000 Personen anschreiben“, so Seiwald.

Alltagstyrannei

Die Hotellerie muss beim Checkin und  der Speicherung der Reisedokumente diese Erklärung ebenfalls unterzeichnen lassen.
Dass man sich mittlerweile regelrecht fürchtet, zeigt eine kleine Anekdote. Eine Salzburgerin rief unter  Nennung ihres vollen Namens in einem Schuhgeschäft in der Getreidegasse an, um sich Schuhe reservieren zu lassen. Als die freundliche Verkäuferin nochmals nach dem Namen fragt, um ihn zu notieren,  erschrickt sie vor ihren  eigenen Worten: „Ah, da ist ja der Datenschutz, das darf man ja  nicht…“

Sonja Wenger

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