Eine geschlossene Gesellschaft

Die Erdoğan-Fans rühren mächtig um: Wie ihre Propaganda die Türken abschottet.

50 Jahre nach dem Beginn der Zuwanderung aus der Türkei leben Österreicher und Türkischstämmige immer noch überwiegend in eigenen Milieus. Das ist auch in Salzburg so, vor allem im städtischen Raum. Ein politisch radikaler Ton spitzt das noch zu.

Die Hardliner auf muslimischer Seite monieren ständig „Islamophobie“ – die Scharfmacher auf österreichischer Seite würden die „nicht integrierbaren Parallelgesellschaften“ am liebsten loswerden. So forderten prominente FPÖ-Politiker, unter ihnen Vizekanzler Strache, Österreichs Erdoğan-Anhänger zuletzt auf, doch in die Türkei zurückzukehren.

Nur türkisches Fernsehen

Das meint 37.300 Türken, die bei den Juni-Wahlen den türkischen Präsidenten und seine islamisch-konservative AKP mit den üblichen Mehrheiten ausstatteten (72 bzw. 62 Prozent). Allerdings: Knapp zwei Drittel der wahlberechtigten 104.000 Türken haben Erdoğan nicht gewählt. Die Hälfte bemühte sich erst gar nicht zu einem der drei Generalkonsulate in Wien, Salzburg und Bregenz.

„Viele Leute, die eine Doppelstaatsbürgerschaft haben, hatten Angst. Die Jungen kommen oft nicht, weil die Politik sie nicht interessiert“, beschreibt Cevahir Yildiz, Sozialdemokrat und Wahlbeisitzer in Salzburg, ein verbreitetes Desinteresse unter seinen Landsleuten, das auch die Geschehnisse vor Ort betrifft.

„Viele Türken schauen sich keine österreichischen Nachrichten an. Man lebt monoton, geht arbeiten, einkaufen, ins türkische Café.“ Was auch der Salzburger ÖGB-Jugendsekretär Samed Aksu schade findet, „gerade als Person mit Migrationshintergrund. Die Leute leben hier, shoppen hier, aber wer der Bundeskanzler ist, das wissen sie nicht.“

Die Erdoğan-Fans rühren indessen mächtig um. Oft wählen ganze Familien die AKP. „Da machen auch die Kinder mit, die jungen AKP-Leute mobilisieren alles, in den Moscheen, Schulen“, weiß der Linke Yildiz. Im traditionellen Zuwanderermilieu bleibt man unter sich und verehrt Erdoğan, den „Führer“, den „Sultan“, das „Genie“. Auf Facebook diskutiert man türkische Ereignisse, fordert die Todesstrafe für Oppositionelle und Vergewaltiger.

Die Kritik an den Erdoğan-Gläubigen wächst. Sie unterstützten, im warmen Wohnzimmer der Demokratie sitzend, ein System, in dem tausende Menschen ohne Prozess in Haft sitzen und Justiz und Medien gleichgeschaltet sind.

Was Gewerkschafter Aksu so erklärt: „Diese Leute schauen nur das türkische Fernsehen, wo Erdoğan sagt, die ganze Welt ist gegen uns, wir müssen zusammenhalten. Sie glauben, dass alle auf die Türken losgehen.“ Diese Opfer-Erzählung wird ständig warm gehalten.

Ohne Reden wird nichts

So hat die AKP Salzburg, die im Airportcenter in Wals-Himmelreich ein Büro hat, eine TV-Sendung auf Facebook gestellt, die in Dauerschleife abrufbar ist und das aktuelle Thema der (illegitimen) Doppelstaatsbürgerschaften behandelt, Titel: „Werden die Doppelstaatsbürger aus Österreich ausgewiesen?“ Gepostet hat den Unsinn der lokale AKP-Chef und UETD-Vizeobmann (die Union Demokratischer Türken in Europa gehört zu Erdoğans Netzwerk).

Im April demonstrierte die AKP am Salzburger Hauptbahnhof gegen das „Kopftuchverbot“, zu Silvester wurde über den „rassistischen Angriff auf das türkische Baby“ berichtet, nachdem ein einheimischer Mob das Neujahrsbaby und seine Mutter mit extrem hässlichen Kommentaren bedachte. Salzburgs AKP-Chef schlug Gesprächsangebote wiederholt aus. Es würden nur Lügen über die Türken verbreitet.

Murat Özdemir vom Integrationsbeirat des Landes meint indes: „Nur wenn man miteinander redet, kann man Vorurteile und Fremdheit abbauen.“ Er habe viel Förderung durch Lehrer, Freunde, Kollegen erlebt. Dies sei stärker gewesen als diskriminierende Erfahrungen, sagt der 34-jährige Bauingenieur über seinen Weg.

Von Sonja Wenger