„Keiner will den Nachtdienst machen“

Allein mit 100 Bewohnern: Eine Altenpflegerin spricht über die bedenklichen Zustände in städtischen Seniorenheimen.

Andrea Sommer hat als Pflegerin in einem Seniorenheim der Stadt Salzburg gearbeitet. Die junge Frau hat sich auf den „Fenster“-Bericht „Nachts im Heim: 55 Leute, ein Pfleger“ gemeldet, der große Empörung unter den Lesern ausgelöst hat. Pflegekräfte und Angehörige bestätigten die mangelnde Personalbesetzung in der Nacht. Angehörige und  selbst gar nicht Betroffene  zeigten sich schockiert, dass solche Zustände im wohlhabenden Salzburg möglich sind. Andrea Sommer schildert im folgenden Gespräch ihre Erfahrungen.

Fenster: In Seniorenheimen in der Stadt Salzburg ist es anscheinend üblich, dass Pflegerinnen auf 50 Bewohner aufpassen. Wie haben Sie den Nachtdienst in einem dieser Häuser erlebt?

Andrea Sommer: Ich musste nachts auf 100 Bewohner in vier Stockwerken schauen.

Fenster: Wie haben Sie das geschafft?

Sommer: Das kann man oft gar nicht schaffen. Ich bin ab der Dienstübergabe um 19 Uhr ständig auf- und abgelaufen.   Es gab  bettlägerige Bewohner, die ich lagern und ihre Einlagen wechseln musste. Andere brauchten Hilfe beim WC-Gehen.  Bewohner sind  mitunter aus ihren Betten gefallen, es gab häufig Notfälle.

Fenster: Fühlten  Sie sich überfordert?

Sommer: Regelmäßig. Wenn ich einem Senior die Windeln wechselte und  ihn mittendrin vertrösten musste, weil die Glocke wieder ging. Man muss ja immer mit einem Notfall rechnen und sofort nachschauen. Was hier passiert, ist völlig unverantwortlich.

Fenster: Wie ging es Ihren Kolleginnen?

Sommer: Manche hatten einfach Angst vor den Nachtdiensten. Keiner wollte ihn machen. Das löste starke Konflikte aus. Eine Kollegin bekam Panikattacken. Das Team war sehr zerrüttet.

Fenster: Wie geht es den Bewohnern?

Sommer: Die kriegen das natürlich mit. Die noch Mobileren wünschen sich oft ein kleines Gespräch, aber das geht sich nicht aus, wir schaffen es ja kaum, die körperlichen Bedürfnisse abzudecken.

Fenster: Welche Rolle spielen beruhigende Medikamente?
Sommer: Psychopharmaka  sind ein gewisses Thema, gerade bei unruhigen Demenzpatienten mit Fluchttendenz.

Fenster: Das klingt, als stelle man die Menschen ruhig?

Sommer: Es müsste nicht so sein. Aber um speziell auf demente und auf aggressive Bewohner eingehen zu können, fehlt Personal.

Fenster: Warum sind Sie Pflegerin geworden?

Sommer: Aus Liebe zum Menschen. Ich wollte immer schon mit alten Menschen arbeiten und sie auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten.

Fenster: Was meinen Sie, müsste sich ändern?

Sommer: Man muss das Personal halten! Die Personalstruktur und die Menschlichkeit zwischen den Führungskräften und den Pflegekräften gehören verbessert. Als ich mich bei Heimleitung, Gewerkschaft und Politik über die Zustände beschwerte, stieß ich  auf Unverständnis.

Andrea Sommer heißt eigentlich anders. Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen will sie anonym bleiben. Sie arbeitet heute in der ambulanten Altenpflege. Dort sei nicht alles gut, sagt sie, aber vieles besser.
NEOS und Stadt-FPÖ  forderten nach dem „Fenster“-Bericht von der zuständigen Sozialstadträtin Anja Hagenauer (SPÖ) Verbesserungen.  Warum sie es hinnehme, dass im Seniorenheim Hellbrunn nachts sogar 100  Bewohner von nur einer Pflegekraft betreut werden, ließ Anja Hagenauer von dem zuständigen Amtsleiter Ernst Hörzing beantworten. Das sei schon in Ordnung, so Hörzing, die 100 Bewohner hätten „im Durchschnitt Pflegestufen unter Stufe 3“. Für den Verbleib von höhergradig pflegebedürftigen Bewohnern im Haus hätten sich die Pflegerinnen selbst stark gemacht. Die meisten gingen „bis an ihre Grenzen“, Probleme würden angehört und gelöst.

Von Sabine Tschalyj

(Bildtext: Zuhören, sich Zeit für die Heimbewohner  nehmen, dafür haben Pflegerinnen in Altenheimen kaum Zeit. Die Nachtdienste bringen viele an ihre Grenzen.  SymbolBild: Robert Ratzer)