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Mit meinem Roman „Dunkelgrün fast schwarz“ war ich mittlerweile bei sehr vielen Lesungen, und eine der ersten war ein Wettbewerb.

Ich bin dazu nach München gefahren, wo ich mit anderen Autoren auf einer Bühne gelesen habe, jeder 15 Minuten, danach konnte das Publikum voten und einen Tagessieger bestimmen. Über den Gesamtsieger hat eine Jury entschieden. Und ich – sowieso noch ein Anfänger im Business – fand das sehr merkwürdig.

Karikatur Thomas Selinger. www.seli.at

Warum muss denn in der heutigen Zeit alles und jeder ständig bewertet werden? Wieso können nicht einfach verschiedene Autoren ihr Buch vorstellen und was draus lesen, alle freuen sich und gehen wieder heim? Warum muss es denn einen „Sieger“ geben und was bedeutet das? Dass der- oder diejenige am besten LESEN kann? Mir hängt diese ewige Bewerterei dermaßen zum Hals heraus, ich kann es Ihnen gar nicht sagen.

Wenn man den Fernseher einschaltet – was ich dank Netflix, ich geb es zu, kaum noch mache – fällt man von einer „Wer ist am schnellsten“-Sendung zu einem „Wer ist am schönsten“-Contest und findet dann noch einen „Wer singt am besten“-Wettbewerb. WEN INTERESSIERT DAS! Wie sind wir Menschen auf die Idee gekommen, einer dem anderen zu sagen, ob er gut ist oder schlecht? Wie kann es sein, dass ein paar Hanseln – die um nix besser sind, Entschuldigung – eine Jury bilden und eine Deutungshoheit bilden über andere? Dass sie sie je nach Laune fertigmachen und zum Weinen bringen oder ihnen vormachen, die große Karriere warte hinter dem Vorhang?

Wir sollten gleichwertig sein, alle. Wir leben im Jahr 2018 und an sämtlichen Fronten kämpfen Menschen um ihre fundamentalen Rechte, um Gleichberechtigung, um Respekt. Aber dann geben wir irgendwelchen C-Promis die Macht, zu urteilen, wahllos Maßstäbe anzulegen, die erfüllt werden sollen, in Bezug auf Tanzbewegungen, Schnuten, Bühnenperformances, Torten und kleine Löffel mit Essen drauf.

Ich kann das nicht ernstnehmen, weil diese Jurys in meinen Augen keine Deutungshoheit haben. Viel schöner wäre es doch, wenn alles nebeneinander existieren könnte, in seiner Andersartigkeit und Verschiedenheit. Wenn wir Menschen zeigen und ihre Talente präsentieren würden, ohne willkürlich festzulegen, wer von ihnen der vermeintlich „Beste“ ist. Wenn wir dadurch unseren Kindern zeigen würden, dass es gut ist, so zu sein, wie man eben ist, dass man sich nicht ständig vergleichen muss, sondern stolz auf sich sein darf.

Ich bin bei jenem Wettbewerb in München übrigens Publikumssieger geworden. Und wen interessiert das? Genau. Niemanden.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin.