„Wollte nicht alles bei meinem Kind abladen“

Krebs ändert nicht nur das Leben Betroffener, er  lähmt  Familien. Eine Frau über ihre schwerste Zeit.

„Am Telefon geht das nicht.“ Es war dieser Satz, bei dem Maria Müller (Name geändert)  klar war, dass  Schlimmes bevorstand.  Müller hatte  – ein halbes Jahr nach einer Mammografie – einen Knoten an ihrer Brust ertastet. Die Röntgenärztin entnahm daraufhin eine Gewebeprobe. Dass es sich um ein Karzinom handelte, sagte ihr die Ärztin dann persönlich.

Der etwa kirschgroße Krebstumor sollte das Leben der  alleinerziehenden Mutter eines damals 15-jährigen Sohnes auf den Kopf stellen.  „Ich kam sofort ins Landeskrankenhaus, der Knoten wurde zwei Wochen nach der Diagnose entfernt“, schildert die 49-jährige Salzburgerin. Nach der brusterhaltenden Operation und einer fünfwöchigen Bestrahlung  sei wohl alles erledigt, hieß es. Es kam aber anders. Der Krebs war schon in die Lymphe vorgedrungen. „Ich brauchte also nach der OP eine Chemotherapie, ein Dreivierteljahr lang“, sagt Müller und wirkt dabei  sichtlich getroffen. „Sie haben mir Bachblüten gegeben. Das war ja nett gemeint, aber ich war völlig neben mir.“ Wie in Trance sei sie aus dem Spitalsgebäude gegangen, im Kopf nur eine einzige Frage: „Warum ich?“

Mit Operation und „Chemo“ begann für die Büroangestellte ein Jahr, in dem sich alles änderte. Woran sie sich am intensivsten erinnert? Müller: „An den üblen Geschmack und  den ständigen Brechreiz.“ Die  Übelkeit betraf indirekt auch ihren Sohn. Die erste Chemotherapie fiel in die Hollerzeit. Maria Müller ging noch mit ihrem Sohn Holler pflücken und setzte den Sirup an. Doch  in Flaschen füllen konnte sie ihn  nicht, erinnert sich die Salzburgerin:  „Mein Sohn hat das dann alleine gemacht.“

Der Sohn musste sich sein  Essen selber besorgen

Allein musste sich der 16-Jährige in dieser Zeit auch oft sein Essen besorgen. „Zum Supermarkt oder zum McDonalds musste er immer dann gehen, wenn mir so schlecht war, dass ich einen Kochlöffel nicht einmal anrühren konnte“, erinnert sich die Salzburgerin.  An solchen Tagen blieb auch der Staubsauger stehen, selbst kleine Aufgaben im Haushalt waren zu Hürden geworden. Neben der Abgeschlagenheit setzte Müller die plötzliche Einsamkeit zu – im Krankenstand allein zuhause und kaum fähig, unter Leute zu gehen. Freundinnen hatten es nicht leicht. „Schickt mir keine WhatsApp-Fotos mehr, ich kann sie nicht mehr sehen!“, bekamen sie von Maria zu hören, die ja nirgends dabeisein konnte.

Nicht nur die Freundinnen, auch ihr Sohn und die bereits ausgezogene Tochter  standen Maria Müller in dem Jahr bei, wann immer sie konnten. Von der 18-jährigen Tochter bekam Müller ein kleines blaues Steinherz geschenkt. Den Glücksbringer trug sie bei jeder Chemotherapie bei sich in der Handtasche. Er hat wohl geholfen, genauso wie die große Zuversicht, die die Tochter von Anfang an vermittelte. Mit dem 15-jährigen Sohn hat Müller von Beginn an offen geredet. „Das hat mir so gutgetan, genauso wie mein Glaube und die Natur“, lächelt Müller heute. Alles wollte sie aber nicht bei ihrem Sohn abladen. Als richtige Ansprechpartnerin fand sie eine Mitarbeiterin der Krebshilfe Salzburg.

Das half: ein Glücksbringer und ein umgedrehter Stuhl

„Da konnte ich einfach reden. Über die Chemotherapie oder wie ich meinem Sohn bestimmte Sachen erklären kann. Diese monatlichen Gespräche waren so hilfreich“, legt Müller anderen Krebspatienten ans Herz, die Krebshilfe zu kontaktieren. Auch in punkto Haarausfall hatte sie Glück im Unglück. Ein erfahrener Onkopsychologe im Spital riet: Besser selbst entscheiden, wann die Haare wegkommen, als auf den kompletten Haarausfall zu warten. Beim Salzburger Frisör Eder fand sie einen perfekten Ort dafür. Müller ließ sich eine Perücke ähnlich ihrer langen Haare machen. Beim Kopfrasieren drehte die Frisörin Müller weg vom Spiegel. Erst als sie ihr die  Perücke aufgesetzt hatte, durfte Müller sich wieder umdrehen. Müller: „Klar war es ein Schock, aber so war es die beste Lösung.“

Für Müller, die ihren wirklichen Namen lieber für sich behält, damit „nicht jeder erfährt, dass ich Krebs  gehabt habe“, hat  ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Krebs und Chemo sind überstanden, die Prognose für ihre Zukunft   ist gut. Müller trägt jetzt einen Kurzhaarschnitt und lacht: „Das hätte ich mir früher nie getraut, er gefällt mir.“ Sie arbeitet wieder in ihrem Betrieb. Ganz auf der Höhe sei sie aber noch nicht. Der Krebs hat sie körperlich und seelisch durchgeschüttelt. Müller gesteht sich ein: „Ich bin noch langsam.“
Doch die Kraft kommt Stück für Stück zurück. Welche Pläne sie für die Zukunft hat? Diese Woche wird Hollersaft gemacht. Ein weiterer bringt Glanz in Müllers Augen: „Wenn ich mich weiter so  erhole, möchte ich im Sommer endlich wieder auf den Untersberg steigen.“

Von Sabine Tschalyj

Bildtext: Ein Geschenk ihrer Tochter: Der Glücksbringer war bei jeder Chemotherapie dabei. Bild: Tschalyj

Kontakt: beratung@krebshilfe-sbg.at oder 0662-873536, www.krebshilfe-sbg.at

Interview:
Wer Krebs verschweigt, hinterlässt tiefe Gräben

Im Gespräch: Stephan Spiegel, Geschäftsführer der Krebshilfe Salzburg.
SF: Auf welche Lebensbereiche wirkt sich  Krebs aus?
Stephan Spiegel: Eine Krebsdiagnose ändert alles. Der Körper ist belastet, ebenso die Psyche, das soziale Leben und die eigenen Finanzen. Eine große Sorge ist es auch oft, wie über die Erkrankung in der Familie gesprochen werden soll. Alles wird auf den Kopf gestellt.
Ihr Rat an Angehörige?
Viele leiden unter dem Gefühl, nichts tun zu können. Sie fragen sich, wie alles weitergehen  wird. Unter diesem hohen Druck brennt man schnell aus. Wir raten Angehörigen und Erkrankten, sich an uns zu wenden. Offen zu reden erleichtert vieles.
Was, wenn man schweigt?
Angehörige, besonders Kinder, glauben oft, sie seien schuld an der Krebserkrankung des Betroffenen. Aus Schutz gegenüber Angehörigen die Erkrankung zu verschweigen, ist aber keine gute Idee. Darum helfen wir gezielt Familien und Kindern, die Erkrankung eines Elternteils zu verstehen und  damit umzugehen. Gefühle, Sorgen und Wünsche soll man  aussprechen. Wer Krebs verschweigt, hinterlässt  Gräben.