Bunte Seiten eines streitbaren Krauts

Wie die Brennessel einen sanftrosa Saft hergibt.

Marcella hat es mir erzählt und ihr glaube ich. Marcella ist eine eindrucksvolle Kräuterkundige, die in Maxglan einen Wohlfühlladen mit Herz betreibt. Sie hat mir erzählt, wie ich der jungen Frühlingsbrennnessel einen rosa Saft entlocken kann, der ein überraschendes Aroma auf der Zunge entwickelt: ein wenig nach Mango und gleichzeitig nach viel Brennnessel!

Zuerst habe ich Brennnessel mit Zitronensäure in Wasser über Nacht angesetzt, und zwar habe ich irgendwelche Brennnesseln gepflückt, egal ob die kleine oder die große und egal ob weiblich oder männlich. Eigentlich wäre es ganz interessant, welche mehr brennt, aber das habe ich nicht herausgefunden. Am nächsten Morgen war ich begeistert: ein hell-rosaroter Saft hatte sich gebildet.

Meine Kräuterkolleginnen haben alle möglichen Erklärungsversuche angestellt: da wurde das Eisen herausgelöst oder das sind die Flavonoide in der Brennnessel. Egal, er hat schön ausgesehen. Dann habe ich die Brennnesseln abgeseiht, den Zucker zugegeben und den Saft soweit erwärmt, bis der sich aufgelöst hat.

Und dann der spannende Moment der Verkostung. Ich habe den Saft mit Wasser verdünnt und da ist mir schon ein intensiver Brennnesselduft in die Nase gestiegen, den kann ich mit Worten gar nicht beschreiben. Und der Geschmack erst!

Nachdem ich dann beobachtet habe, dass manche Leute in meinem Umfeld die Zitronensäure nicht gut vertragen, bin ich auf Zitronensaft oder Weinsäure umgestiegen und jetzt ist der Brennnesselsirup perfekt: 25 etwa 15 cm lange Brennnesselspitzen in einem Liter abgekochten, kalten Wasser und etwa 40 g Weinsäure über Nacht ziehen lassen, abseihen, 1 kg Zucker zusetzen und erwärmen, bis sich der Zucker aufgelöst hat. An den Toilettengängen kann ich die entwässernde Wirkung gut beobachten.

Ernährungswissenschafterin Karin Buchart gründete die Traditionelle Europäische Heilkunde, TEH, in Unken. Mail: salbei@teh.at