Der Darm – Das Gehirn im Bauch

Alle reden über den Darm. Er gilt  als zweites Gehirn. Und rächt sich, wenn er beleidigt wird.

Zwischen Schul- und Komplementärmedizinern fliegen die Hackeln oft tief. Doch trotz Kritik wenden sich viele Menschen  Komplementärmedizinern zu, wenn ihnen die Schulmedizin nicht hilft. Bei vielen drehen sich die Beschwerden um den Bauch. Mit Kuren wollen sie ihrem Blähbauch, Reizdarm oder  wiederkehrenden Verstopfungen zu Leibe rücken. Der Salzburger Ganzheits- und Ernährungsmediziner Sepp Fegerl, der zum Thema Komplementärmedizin  gerade eine Vortragsreihe mit den Salzburger Nachrichten und dem Bildungshaus St. Virgil durchführt, sagt im „Fenster“-Gespräch: Gesundheit beginne im Bauch – aber den schaue keiner an.

SF: Sie sind ausgebildeter Allgemeinmediziner, haben sich aber der Komplementärmedizin zugewandt. Reicht  Schulmedizin nicht?
Fegerl: Während des Studiums in Graz meinte ich, Homöopathie sei Schwachsinn. Ich habe mich dann aber damit beschäftigt, damit ich mitreden kann. Blöderweise haben diese Versuche funktioniert. Schlüsselerlebnis war für mich, dass ein Bub mithilfe von zwei Wochen Homöopathie nicht in die Sonderschule musste. Die Lehrerin meinte, er sei plötzlich wie ausgetauscht. Nach Arztjahren im chirurgischen und Notarztbereich kam ich mit der F.X. Mayr-Medizin in Kontakt. Mein erster Gedanke war „Milch und Semmeln, was soll das?“. Doch Mayr ließ mich nicht mehr los. Ich habe immer wieder Patienten erlebt, deren Beschwerden wir Schulmediziner nicht kurieren konnten. Seit 30 Jahren beschäftige ich mich nun mit dem Bauch.

 

Sepp Fegerl: „Unser Darm braucht Aufmerksamkeit. Er ernährt uns.“

 

SF: Bei welchen Beschwerden steht die Schulmedizin  an?
Fegerl: Nur rund 40 Prozent der Beschwerden können mit schulmedizinischen Leitlinien behandelt werden. An ihre Grenzen stößt die Schulmedizin vor allem bei  chronischen Beschwerden, die lebensstilbedingt sind, wie Bluthochdruck, Diabetes oder Darmbeschwerden. Was will man da mit Medikamenten? Medikamente können nur die Symptome bekämpfen, aber nicht die Ursachen. Viele Menschen spüren, wie die Dinge zusammenhängen. Wenn zum Beispiel eine Frau sagt: Mein Hautproblem hängt mit meiner Ernährung zusammen, aber ich weiß nicht, wie. Oder ein Mann, der meint: „Alle können essen, was sie wollen, nur ich nicht.“

SF: Warum dreht sich so viel um den Bauch?
Fegerl: Wir kauen nicht gut. Unsere Verdauung braucht Aufmerksamkeit. Wenn wir beim Essen in Hektik sind, ist der Fokus nicht da. Der Verdauungstrakt wird dann quasi ausgeschaltet. Wir erleben Magendruck, Reflux, Übelkeit, Müdigkeit. Kein Wunder. Das Essen liegt im Darm, bei 37 Grad, im Dunkeln, es fault und gärt vor sich hin.

SF: Was macht die Verdauung so wichtig?
Fegerl: Ernährt werden wir über den Darm. Wenn er das Essen nicht richtig aufschließen kann, ernährt es uns nicht. Der Darm muss „Fremdes“, also Nahrung, aufnehmen und in so kleine Bausteine aufspalten, dass sie der Körper akzeptiert. Wenn der Darm beleidigt ist, reagiert er mit Abwehrreaktionen. Dann ist es so, wie wenn man sich den Schweinsbraten unter die Haut spritzt. Wenn sich hier das Immunsystem ständig wehren muss, entstehen Allergien oder Entzündungen. Der Darm ist eigentlich unser erstes Gehirn. Der Verdauungstrakt hat ein feines Nervensystem. 90 Prozent unserer (Nerven-)Verbindungen gehen vom Darm zum Gehirn. Ein Beispiel ist Müdigkeit nach dem Essen, wenn man es nicht gut verdauen kann. Man ist sich zu wenig bewusst, wie es läuft: Für das Verdauen braucht man Energie. Dann erst kriegt man Energie.

SF: Was macht der Arzt?
Fegerl: F.X. Mayr begann mit feinsinniger Diagnostik. Er fragte: „Was ist optimal gesund?“. Der Verdauungsapparat braucht Schonung, wenn er überfordert ist, der Dünndarm  schlecht arbeitet und sich ausdehnt, weil er „letschert“ wird. Sonst verschlechtert sich die Verdauung immer mehr. Die Mayr-Medizin schaut daher zuerst auf die Bäuche der Patienten. Dafür wurden die so genannten Mayr-Bäuche unterschieden.

SF: Man sieht also am Bauch, wie gut es jemandem mit seiner Verdauung geht?
Fegerl: Ja. Wenn ich den Bauch eines Patienten sehe, weiß ich viel. Sehen, angreifen, berühren sind   wichtig bei einer Untersuchung. Das wird unterschätzt und viel zu selten gemacht. Da verschreibt man lieber ein Mittel oder Gastroskopien, ohne den Patienten richtig anzuschauen.

SF: Wie behandeln Sie Patienten mit Verdauungsproblemen?
Fegerl: Mayr-Medizin basiert auf vier aufeinanderfolgenden Schritten, von der Schonung über die Säuberung und die Schulung bis zur Substitution. Zwei Wochen sind nötig. Das kann Teefasten sein. Es ist wie ein Trainingsprogramm. Ziel ist, dass man sich wieder gut, normal und vollwertig ernähren kann. Die häufigste Beschwerde ist das Reizdarmsyndrom. Bei diesem kann sich der Bauch nie richtig befreien. Aber erst wenn er das kann, funktioniert er wieder richtig. Die Patienten erleben eine große Besserung.

SF: Es ist umstritten, wie sinnvoll solche Darmreinigungen sind.
Fegerl: Viele Schulmediziner sagen: „Ihre Beschwerden sind normal.“ Die haben keine Ahnung, wie ein gesunder Bauch ausschaut. Und ein gesunder Darm.

SF:  Als Laie hat man den Eindruck, Schulmediziner und Komplementärmediziner lassen nicht gelten, was der andere sagt. Warum?
Fegerl: Schulmediziner und Alternativmediziner verstehen einander nicht, weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Das Schlimmste, was ein Arzt dem anderen vorwerfen kann ist „Du bist nicht wissenschaftlich.“ Dieser Vorwurf ist wie ein Ketchupfleck auf der Visitenhose. Das Problem ist: In der Klinik sehen Ärzte und angehende Ärzte nur die Spitze des Eisberges. Draußen in den Arztpraxen spielt sich ja ganz etwas anderes ab.

Von Sabine Tschalyj