Das Ende lässt keinen kalt

Ein Bestatter über Trauer,  schöne Momente am Grab und warum das Sterben für viele früh ein Thema ist.

Roman Marchl ist seit fast 15 Jahren im Fahrdienst der städtischen Bestattung. Wir trafen ihn am Kommunalfriedhof.

Zu Allerheiligen denken alle an die Verstorbenen. Bedeutet diese Jahreszeit für Sie Hochsaison?
Nein, gestorben wird immer – wenngleich Wetterumschwünge, vor allem die Übergangszeit von warm auf kalt, die Zahl der Todesfälle steigert. Das ist zwar empirisch nicht belegbar, aber meine langjährige Beobachtung.

Bestatter bringen den Toten an seine letzte Stätte.
Ja, wir übernehmen die Abholung, bei Hausabholungen  auch  das Waschen und Ankleiden.  Wir organisieren die Beerdigung oder Verabschiedung, die Blumen, Kerzen und Musik und versuchen die Wünsche der Angehörigen so gut wie möglich zu erfüllen.

So gut wie möglich?
Wenn mancher Pfarrer maximal zwei Kränze in der Kirche duldet, aber fünf Kinder da sind, gilt es zu vermitteln. Oder wenn einem Seelsorger die Musik nicht passt. Da sind wir der Puffer. Meist geben aber die Angehörigen nach.

Roman Marchl, städtische Bestattung, im Fahrdienst, SW/VIPS

Welche Musik wird denn am öftesten gewünscht?
Aktuell „Amoi seg’ ma uns wieder“ von Andreas Gabalier. Die Musik macht viel aus. Einmal spielten sie „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Ich sah dann  Leute in der Erinnerung lächeln oder kurz mit dem Kopf nicken. Das ist schön, weil die Veranstaltung dann nicht nur traurig ist.

Ihr Beruf ist wichtig, aber doch besser, wenn man Sie nicht braucht …
Ja, mit dem Beruf geht ein ambivalentes Image einher.

Sie erleben ein Übermaß an Gefühlen.
Das darf man sich nicht zu nahe gehen lassen. Es braucht eine gewisse professionelle Distanz und man muss wissen, wann ein Lacher total unangebracht ist. Im Auto oder wenn die Trauerfeier vorbei ist, rennt aber wieder der Schmäh zwischen den Kollegen. Es soll kein Frust entstehen. Was wir uns nicht erlauben können, ist unseren Grant  zu zeigen.

Diese Leichenbittermiene, wie man sie von Bestattern anno dazumal kennt, ist nicht mehr zeitgemäß?
Am Land zelebrieren die Menschen das Sterben noch viel intensiver. Hier haben wir bis zu vier Trauerfeiern am Tag und geraten manchmal  richtig in  Stress. Es ist anonymer. Dennoch ist ein pietätvoller Umgang wichtig. Man kann das in Kursen lernen.

Wie erweist man den Toten Respekt?
Wir haben im Team die Absprache, dass wir jeden Verstorbenen so behandeln, als wäre es ein engster Verwandter. Jeder Verstorbene hat das verdient.

Gehen Sie als Bestatter mit zum Leichenschmaus?
Nein. In der Regel fehlt uns die Zeit und außerdem dürfen wir  das auch nicht. Stichwort: Geschenkannahme.

Ich war einmal bei einem „Tag der offenen Tür“ im Krematorium. Der Andrang war enorm.  Warum ist das Sterben für viele  schon zu Lebzeiten so ein  Thema?
Weil sie die Angehörigen damit nicht belasten wollen, wenn es so weit ist. Daher wählen die Leute im Vorhinein den Sarg und die Bestattungsart und bezahlen das auch. Ich habe  ein paar Hundert Akte im Computer, in denen diese Wünsche festgeschrieben sind.   Das sind nicht nur alte Menschen. Meine Mutter ist 69 und hat das auch schon erledigt.

Die Kosten einer Bestattung sind ja beträchtlich.
Das stimmt. Für eine Einäscherung muss man 3000 bis 4000 Euro zurückstellen, eine Erdbestattung schlägt mit 5000 bis 6000 Euro zu Buche. Särge gibt es ab 700 Euro (Lärche) aufwärts, einmal hatten wir einen thailändischen Apfel da um 3500 Euro.

Roman Marchl, städtische Bestattung, im Fahrdienst, SW/VIPS

Geht der Trend  deshalb  zur Feuerbestattung?
Das könnte eine Rolle spielen, aber auch, dass weniger Leute  ein Grab haben wollen, wohl auch der Pflege und Folgekosten wegen. Auch die Naturbestattung boomt, ob die halbanonyme Bestattung auf unserem Urnenfeld mit einer Verewigung auf einer Stele  oder Pax Natura: Dabei kommt die Asche in eine Biomasse-Urne, die in der freien Natur  verrottet. Dafür stehen Flächen in Maria Plain, Fürstenbrunn und  Wiesen auf dem Untersberg bereit. Da ist Mayr-Melnhof in eine Marktlücke gestoßen.

Manche finden es schön, aus der Asche ihres Lieben einen Diamanten machen zu lassen um ihn als Schmuckstück  bei sich zu haben.
(Er holt eine Schatulle hervor) Das macht bei Bedarf eine Schweizer Firma für uns. Es ist aber sehr kostspielig und wird noch kaum nachgefragt.

Wie drückt man am besten sein Beileid aus?
Bei einer Abholung bekomme ich oft die halbe Lebensgeschichte des Verstorbenen zu hören. Wenn der Mensch alt war, spreche ich von einer Erlösung. Aber generell versuche ich so wenig wie möglich zu reden, um nichts Falsches zu sagen. Man kennt ja die Hintergründe nicht. Manchmal sind schon Erbstreitereien im Gange. Wir bekommen da unglaublich viel zu hören.

Wenn man täglich mit dem Tod konfrontiert ist, lebt man da bewusster?
Ich denke ja. Das geht so weit, dass ich bei einem Streit mit meiner Frau rasch einlenke und sage, wir machen jetzt aus dieser Mücke keinen Elefanten. Wir sollten jeden Tag genießen, weil ich weiß, wie schnell es gehen kann. Das Leben ist kostbar. Ich bin  nebenbei Fußballtrainer für Kinder, das ist das pure Leben und ein schöner Kontrast.

Sigrid Scharf