Zahnpflege? „Die ist teils ein Drama“

Wie man dental kompetent altert und eine Birne Stress  nimmt. Am 25. September  ist „Tag der Zahngesundheit“. Das „SF“ nahm das zum Anlass, um mit einem Zahnarzt zu reden. Über die Gesundheit, die im Mund beginnt.


Man kommt herein und es riecht nach Zahnarzt…
Sie riechen Menthol und Kampfer aus den Desinfektionsmitteln.

Davon allein bekommen viele ein mulmiges Gefühl.
Ja, Gerüche sind extreme Verstärker für Emotionen. Ganz ohne die Mittel kommt ein Zahnarzt leider nicht aus, aber ich mag den Geruch selbst nicht und halte das Flascherl daher so kurz wie möglich offen (schmunzelt).

Und warum die im Behandlungszimmer schwebende Birne?
Man sieht am Outfit der Praxis, welcher Typ hier arbeitet. Ich lasse mir immer wieder was Neues einfallen. Die Birne lenkt ab von der Selbstzentriertheit. Man kommt ja konditioniert. Motto: Ich bin so arm und ausgeliefert.

Bei Ihnen dauert eine Wurzelbehandlung gerade zehn Minuten. Schmälert das nicht Ihr Gehalt?
Darum geht es nicht. Ich arbeite gern manuell, halte mich für einen guten Handwerker. Ich komme beim Arbeiten in so einen Fluss und habe die größte Freude mit mir selbst. Der nette Nebeneffekt ist, dass der Patient nicht lange ausharren muss.

Das dürfte  den Ängstlichen entgegen kommen.
Da habe ich einen für mich guten Weg gefunden, indem ich die Menschen ernst nehme und ihnen ehrlich gegenüber trete. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass man alle sowieso nicht glücklich machen kann. Deshalb gibt es auch verschiedene Zahnärzte. Der Patient muss immer auch zum Arzt passen. So suche ich mir als Arzt bei einem Erstkontakt irgendwo auch den Patienten aus. Mittlerweile erkenne ich die Vampire (Energieräuber) unter ihnen sofort und stelle mich auf sie ein.

Warum haben so viele Bammel vor dem Zahnarzt?
Der Grund ist, dass schon Kinder in die Richtung konditioniert werden: „Putz dir die Zähne, sonst werden sie schlecht und du musst zum Zahnarzt, was weh tut und viel kostet.“ Das ist ein riesiges Problem. Es wäre wichtig, dass Eltern stattdessen den Wert gesunder Zähne vermitteln. Ihren Kindern vorleben, dass Zähneputzen dazu gehört und dass sie etwas sofort reparieren lassen, wenn eine Kleinigkeit nicht passt. Die Horrorgeschichten vom Zahnarzt sind kontraproduktiv.

Was ist bei der Behandlung von Kindern wichtig?
Sie nie zu überpowern. Man muss einfach schauen, was geht. Mein eigener Sohn hat sich, bis er sechseinhalb Jahre alt war, nicht hineinschauen lassen. Da sind wir da gesessen und haben geheult. Letztlich muss man es akzeptieren. Das Kind hat dieses Recht. Die meisten verweigern nicht aus Trotz, sondern weil sie da wirklich nicht drüber kommen und sich fürchten. Andere wiederum freuen sich sogar auf den Zahnarzt, solche gibt es auch. Zu meinem Sohn: Er wird jetzt übrigens selbst Zahnarzt.

Alois Walcher hat selbst auf seinem Behandlungsstuhl Platz genommen. Bilder: SW/VIPS

 

Kommen wir zu den Vorurteilen Ihrer Branche gegenüber: Spielen Sie auch Golf und steht ein Oldtimer in Ihrer Garage?
Ich fahre ein absolutes Nicht-Neidauto, einen Volvo Kombi, den ich gebraucht gekauft habe und der elf Jahre alt ist. Beim Golf habe ich es nicht über die Platzreife hinaus geschafft, obwohl es ein schöner Sport ist. Insofern bin ich ein wohl untypisches Exemplar von Zahnarzt.

Wie oft werden Sie von Pharmakonzernen zum Segeln eingeladen?
Gar nicht. Diese Firmen machen Fortbildungen, die etwas kosten und man überlegt, ob man hingehen soll, weil sie gesponsert sind. Ich entscheide dann pragmatisch nach den Inhalten.

Es gibt in Salzburg Brennpunkt-Kindergärten, in denen Kinder ganz überrascht reagieren, wenn ihnen die Zahnfee eine Zahnbürste schenkt, die sie für sich allein haben. Wissen Sie um diese Zustände?
Die Zahnpflege ist teilweise ein Drama. In manchen Familien ist es nicht die Regel, sich die Zähne zu putzen. Oder alle teilen sich eine Zahnbürste. Die Kinder sind die Leidtragenden.

Was sind für Sie die Faktoren für gesunde Zähne?
Die Ernährung spielt die größte Rolle, die versteckten Zucker in Joghurt, Molke-Getränken oder Energy Drinks sind ein großes Problem. Vor allem in Lehrlingskreisen gilt es als „in“, jeden Tag zwei Red Bull zu trinken. Da kannst du zuschauen, wie die Zähne wegschmelzen. Je schneller die Jugendlichen damit wieder aufhören, desto schneller stabilisiert es sich wieder.

Welche Rolle spielt die Genetik?
Sie ist zu 20 Prozent für gesunde Zähne verantwortlich – so hat man uns das in der Ausbildung beigebracht. Ich bin da vorsichtig. In der Praxis gibt es Leute, die nicht viel putzen und kein Karies haben. Und man kann sich umgekehrt selbst programmieren, indem man sich einredet, man hat schlechte Zähne – meine Mutter war so ein Fall.  Für gesunde Zähne entscheidend ist die Pflege – und das gute Beispiel der Eltern. Die Krux  ist ja, dass man erst am Ende des Lebens erfährt, was es heißt, keine Zähne zu haben. Wer zeit seines Lebens putzt, erhält sich seine dentale Kompetenz bis ins Altersheim.

Man sagt ja immer, die heutigen 70-Jährigen sind wie früher die 50-Jährigen.
Es steht auch um die Zähne viel besser. Dafür ist auch die Technologie verantwortlich. Statt sofort eine Prothese oder  eine Brücke machen zu müssen, geht man heute mit dem Einsatz von Implantaten punktgenau vor. Das hat die Branche revolutioniert.

Sie sprechen von einem Meisterwerk, wenn ein Implantat perfekt sitzt. Ist der Zahnarzt  Künstler?
Im Prinzip sehe ich mich den ganzen Tag so. Und eines darf man nicht vergessen: Die Zähne machen enorm viel aus – auch wenn keiner etwas sagt, man wird sofort danach beurteilt.

Von Sigrid Scharf