Stille über grünen Wiesen: Das große Insektensterben

Sie spielen eine tragende Rolle im Tierreich: Insekten bestäuben, beseitigen Totes, sind Futter. Doch sie sind akut bedroht. Gülle-Bäder und klinisch saubere Landschaften sind schuld.

Nun ist sogar die artenreichste Tiergruppe bedroht. Die Insekten, von denen es weltweit eine Million Variationen gibt, werden immer weniger. Ein ziemlich eindeutiges Indiz werde von vielen Menschen beobachtet, sagt Ingrid Hagenstein vom Salzburger Naturschutzbund: „Wenn man früher nach Wien fuhr, musste man die Windschutzscheibe mindestens einmal sauber machen. Heute gar nicht mehr.“

Ab April wird gemäht

Die Naturschützer, die bereits im Bienenschutz engagiert sind, haben nun auch ein Arterhaltungsprogramm für Insekten ins Leben gerufen, Motto: „Blühwiesen gesucht“. Hauptursache für den Rückgang der Insekten ist die intensive Landwirtschaft mit der Trockenlegung von Feuchtbiotopen, dem Rückschnitt von Hecken und Randstreifen. Auf Grünflächen, die schon ab April unters Mähmesser kommen, gedeiht keine insektenfreundliche Flora. „Der Mensch erschafft klinisch saubere Monokulturen“, sagt Naturschützerin Hagenstein.

80 Prozent Rückgang

In Deutschland mit seiner weithin industrialisierten Landwirtschaft hat man alarmierende Befunde. Insektenforscher in Krefeld fanden in den Fangfallen zuletzt um 80 Prozent weniger Biomasse (300 Gramm gegenüber 1,4 Kilogramm im Jahr 1989).

Kilometerlange Fettwiesen

Der Biologe und Insektenkenner Patrick Gros vom Salzburger Haus der Natur bestätigt das. „Insbesondere Insekten, die auf Blüten und Kräuter angewiesen sind, gehen stark zurück.  Es wächst ja fast nur noch Gras auf den Wiesen. Früher hatte jeder Bauer seine intensiv bewirtschaftete Wiese, seine Heuwiese, seine Streuwiese. Die Gülle wurde nicht überall verteilt. Heute, mit den leistungsstarken Kühen, weiß man nicht mehr, wohin mit der Gülle. Sie wird in Schläuchen über die Felder gegossen.“ Überall könne man „kilometerlange Fettwiesen sehen, die man an ihrer giftgrünen Farbe erkennt“. Über dem Giftgrün aber ist es tot.

Insekten brauchen Blüten

Denn viele Fluginsekten brauchen bunte, duftende Blumenwiesen. „Die meisten Blühpflanzen sind Lichtkeimer, die langsam auf einem mageren Boden wachsen“, erklärt der Salzburger Hummelexperte und Theologe, Johann Neumayer. „Man braucht nur durch eine Wiese zu gehen, die viermal gemäht wird. Da gibt es keine Heuschrecken mehr. Die Menge an Insekten, die Futter für die Vögel sind, ist eindeutig weniger geworden. Das belegen Studien“, so Neumayer. In Salzburg seien nicht Gifte das Problem, sondern die intensive Bewirtschaftung. Zur flächendeckenden Überdüngung kommt  noch der Stickoxid-Eintrag aus dem Verkehr: 40 Kilo je Hektar. Günstig wären 20 Kilo.  In China, wo Pestizide ganze Landstriche verwüsten, bestäuben Landarbeiter von Hand die Obstbäume. In den USA fahren Bienenzüchter die Völker in Trucks zu den Farmern. „Soweit sind wir zum Glück noch nicht“, so Neumayer. „Aber wir haben ein Problem, wenn wir auf die Natur nur  mit dem Erwerbsinteresse zugehen. In der Mais-Wüste in der Steiermark ist die Bestäubung schon ein echtes Thema“, weiß Neumayer.

„Salzburg hat Heuwiesen“

Salzburgs Landwirtschaft sei vorbildlich, heißt es im Agrarressort. „50 Prozent der Flächen werden biologisch bewirtschaftet. In der Heumilch-Wirtschaft haben wir sehr viel spätere Schnittzeitpunkte als bei der Silo-Bewirtschaftung. Die Bauern erzielen einen höheren Preis, dafür müssen sie das Gras länger stehen lassen.“ Fettwiesen werden vier- bis fünfmal gemäht, Heuwiesen maximal dreimal. Und in Salzburg seien von 83.000 Hektar immerhin 32.000 Hektar Heuwiesen. Das sei mehr als ein Drittel, europaweit betrage der Anteil nur zwei Prozent.

Sonja Wenger