Handy hinterm Steuer verursacht schon jeden dritten Unfall

Lange waren Raserei oder Alkohol Hauptursache für schwere Verkehrsunfälle. Inzwischen ist es Handy-Telefonieren beim Fahren, das die meisten Todesfahrten verursacht. Vor Gericht kommen die  Täter mit ein paar Monaten Haft (auf Bewährung) recht billig davon. Doch jetzt geht es in Salzburg erstmals um Mord.

Ein 22-jähriger Mann aus dem Flachgau verursachte am Karfreitag einen tragischen Unfall, der sehr deutlich zeigt, dass Fahrlässigkeit stets eine Folge  menschlicher Fehlentscheidungen und Handlungen ist – dass die Schuldfrage aber höchst verstrickt sein kann.

Salzburger tötete Autostopper

Der Salzburger war um vier Uhr früh  mit seinem Kleintransporter am Stadtrand von Ried im Innkreis  unterwegs, als zwei junge Nachtschwärmer ihn anhielten. Die Burschen, 16 und 17, wollten ein Stück mitfahren, was der Lenker ablehnte. Es entspann sich ein Streit – bei dem der Kastenwagen-Fahrer (aus Angst?) plötzlich Gas gab,  obwohl der ältere Bursch  sich an seine Fahrertür geklammert hatte.  Der Freund, der dem Fahrzeug nachlief und es fotografierte, hörte   Sekunden später einen „Knall“ – ob der tödlich verletzte 17-Jährige überrollt wurde oder durch den Sturz auf die  Straße starb, soll die Obduktion  klären. Den Fahrer erwartet ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung, ein Delikt, das in keinem EU-Land so gering geahndet wird wie in Österreich.

Milde Urteile regen auf

Die Höchststrafe sind drei Jahre Freiheitsentzug. In der Praxis  werden   für einen tödlichen Verkehrsunfall meist  nur ein paar  Monate Haft auf Bewährung verhängt. Selbst wer „besonders gefährliche Verhältnisse“ herbeiführt – indem er rast, betrunken fährt oder am Handy telefoniert –, kommt mit ein paar Monaten unbedingter Haft davon. Die Strafrechtsreform 2016 hat  als „Verschärfung“ eine Geldstrafe (bis zu 720 Tagsätze) eingeführt sowie zwei Jahre Haft als Strafrahmen bei zwei getöteten Menschen. Die Gerichte im Westen urteilen milder als jene im Osten. Oft lösen Urteile Empörung aus.

Drei Radler tot: Fünf Monate bedingt

So ging eine junge Frau, die im Pinzgau bei einem riskanten Überholmanöver drei Radfahrer tötete, mit fünf Monaten bedingt und nichts als dem eigenen Trauma aus dem Strafprozess. Die 19-Jährige hatte die Senioren ohne ausreichende Sicht mit 100 bis 110 Stundenkilometern in einer Kurve überholt (sie sah laut Gutachter nur 80  Meter weit statt der nötigen 278). Der vom Oberlandesgericht Linz bestätigte Richterspruch wurde in Online-Foren scharf kritisiert. „Die Botschaft ist fatal: Keiner muss mehr vorsichtig und vorausschauend fahren. Wenn etwas passiert, war es eben unabsichtlich (fahrlässig)“, schrieb ein Poster.

Kind tot: Einige hundert Euro Geldstrafe

Mit ein paar Hundert Euro Geldstrafe bewertete ein Salzburger Gericht den Tod eines Kindes. Der Beschuldigte, ein Landwirt, hatte nach einer Wirtshaustour bei Strobl zwei  am Straßenrand gehende Urlauber-Geschwister überfahren und beging Fahrerflucht. Eine Alkoholisierung war bei seiner Ausforschung nicht mehr nachweisbar. Ein 52-jähriger fuhr in Wien einen achtjährigen Buben auf dem Zebrastreifen tot. Der Mann war wegen eines Medikaments, das er genommen hatte, schläfrig. Die Strafe: 9000 Euro.
Mit 150 km/h reaktionslos in Auto gerast: Absicht?„Wenn jemand sich in einem beeinträchtigten Zustand ins Auto setzt und einen tot fährt, ist das eigentlich Totschlag“, findet der pensionierte Hochschulprofessor Manfred S. aus Salzburg. Seine Ehefrau, damals 59, wurde von einem Amokfahrer lebensgefährlich verletzt. Der Pongauer hatte im Vollrausch (2,5 Promille) nach einem Bordellbesuch in der Stadt zunächst einen Reisebus gerammt und dann die Lektorin auf ihrem Rad am Rand der Alpenstraße  durch die Luft katapultiert. Er erreichte in zweiter Instanz eine Haftreduzierung auf ein paar Monate. Sein Opfer ist invalid und pflegebedürftig.

Mit 140 auf der Gegenfahrbahn: Absicht?

Erstmals sitzt in Salzburg nun aber ein Amokfahrer unter Mordverdacht in U-Haft. Ein Norweger raste Ende Februar bei Leogang mit einem BMW mit 140 bis 150 km/h  auf der Gegenfahrbahn reaktionslos in das Auto  eines 24-jährigen Pinzgauers. Er starb, die vierköpfige Norweger-Familie wurde schwer verletzt.  Zum Motiv schwieg Knut F. bislang. „Er hat jetzt aber mit dem psychiatrischen Gutachter geredet. Das Ehepaar hatte einen Mordsstreit bei der Tankstelle, dann ist F. extrem aggressiv gefahren“, heißt es aus Kreisen der Justiz. Möglich sei auch ein Mitnahmeselbstmord. In Berlin wurden zwei Männer nach einem Wettrennen  erstmals wegen Mordes verurteilt.

Der Verkehrssachverständige Gerhard Kronreif: „Die Hinterbliebenen gehen oft sprachlos aus dem Verhandlungssaal.“

Für Angehörige ist das schwer erträglich

Der gerichtlich beeidete Verkehrssachverständige Gerhard Kronreif weiß: „Für die Angehörigen sind die Strafen oft schwer erträglich. Die gehen oft nur sprachlos  und kopfschüttelnd aus dem Saal.“ Experten sprechen von einer Täter-Opfer-Umkehr, die in der Rechtsprechung Einzug gehalten habe. So hat der Staat, „um keine keine Existenzen zu ruinieren“ (Kronreif ), den finanziellen Regress der Versicherungen gegenüber Alkolenkern mit 11.000 bis 22.000 Euro beschränkt. Die Hinterbliebenen, Eltern, Geschwister, Ehepartner, erhalten meist 20.000 Euro Trauer-Schmerzensgeld. Ist die Kritik, wonach die Justiz zu sehr auf Pädagogik als auf Strafe setze („die zweite Chance“), populistisch oder gerechtfertigt?

„Das Volk schreit immer“

„Das Volk schreit immer nach Vergeltung, Berufsrichter urteilen milder, das weiß man aus Versuchen, da muss man aufpassen“, meint Hubert Hinterhofer,  Professor für Strafrecht an der Universität Salzburg. In Bayern gibt es bei tödlichen Unfällen grundsätzlich keine teilbedingten Strafen. Bei einem Toten geht man ein Jahr, bei drei Toten drei Jahre in Haft.
Längst aber verursacht eine als harmlos geltende Unart die meisten Unfälle mit Personenschaden –  die Ablenkung durchs Handy. Laut Asfinag gehen 30 Prozent aller tödlichen Autobahn-Unfälle auf den Gebrauch des Handys zurück. Der Verkehrsclub Österreich fordert, gefährliches Verhalten endlich als Vormerkdelikt zu brandmarken. Sprecher Harald Gratzer:   „Jemand, der beim Fahren auf WhatsApp herumtut, fährt wie jemand mit 0,8 Promille und ist im Blindflug unterwegs.   Das ist kein Kavaliersdelikt.“

Handy-Zombies:  gefährlich und ohne Einsicht

Eine deutsche Studie, bei der 12.000 Autofahrer beobachtet wurden, ergab: 13 Prozent waren abgelenkt, die Masse durch das Handy. Wer bei Tempo 100 zwei Sekunde auf sein Smartphone schaut, legt  60 Meter zurück.

200.000 SMS-Botschaften aus dem Auto und 900.000 Telefonate täglich (!) werden  österreichweit aus Fahrzeugen verbucht, so  das Kuratorium für Verkehrssicherheit und  der Versicherungsverband im Vorjahr.  Die Folge:   13.000 Unfälle mit Personenschaden  und   über  100 Tote. Tendenz steigend.

Die Autorin ist per E-Mail erreichbar: sonja wenger@svh.at