Ein Zahnarzt aus Syrien beißt sich hier durch

Warum es Strenge und Disziplin braucht, damit Ausländer heimisch werden.

„Hekmat hat gelernt wie blöd“, sagt seine Deutschlehrerin Doris Gerstlohner an der Volkshochschule. Jetzt hat er alle Kurse durch. Vor wenigen Tagen schaffte der junge Syrer sogar die Prüfung für C1  – das ist ein ungeheuer hohes Niveau – mehr als es für eine Studienberechtigungsprüfung bräuchte.

Hekmat Mohammed sei  schon ein Ausnahmeschüler, sagt seine Lehrerin.  Der 36-jährige Zahnarzt floh vor dreieinhalb Jahren aus seiner Heimat und lebt heute mit  Frau und zwei Kleinkindern in  Salzburg. Die Nostrifizierung, also die Anrechnung seiner Zeugnisse, läuft. „Das ist ein langer Prozess mit vielen  Prüfungen an der Universität und einer Schlussarbeit. Auch auf Sprachkenntnisse wird Wert gelegt“, sagt Mohammed, der aktuell von der Mindestsicherung lebt und in der kieferchirurgischen Abteilung des Landeskrankenhauses mitarbeitet, weil ihn der dortige Vorstand Alexander Gaggl unterstützt. Das komme ihm sehr entgegen, sagt Mohammed, denn in Wahrheit lerne man eine Sprache im Kindergarten („der Sohn spricht  besser Deutsch als ich“) oder in der Arbeit und nicht aus Büchern.

„Die Sprache ist das Wichtigste“, sagt der Zahnarzt, der betont, dass er einen Teil seiner Kurse an den diversen Instituten aus der eigenen Tasche bezahlt hat – 900 Euro allein in den vergangenen Monaten.

Die Anfänger-Kurse – zur Alphabetisierung und A1 –  bezahlt für Asylberechtigte die Stadt Salzburg. Seit September 2015 gingen allein in der Volkshochschule 17 Kurse mit je 120 Einheiten über die Bühne. Zwischen 25 und 28 Schüler saßen in einem Klassenzimmer.  Obwohl sie es versucht habe, sei es  nicht immer gelungen, jeden zu motivieren, erzählt Lehrerin Doris Gerstlohner: „Manche, die auf ihre Familie warten, sind einfach vom Kopf her nicht frei dafür.“

Die in den „Stadtkursen“ eingeforderte Disziplin und Pünktlichkeit empfindet sie als gut. „Das spricht sich dann herum, und das nehmen auch 90 Prozent der Lernenden ernst.“ Das Sozialamt schickt die Teilnehmer, die dann auch fünf Mal die Woche für je vier Stunden kommen müssen.  Der Hintergedanke: Die Menschen an eine geordnete Tagesstruktur zu gewöhnen.  Bei einer 10-minütigen Verspätung  gilt der Deutschkurs als nicht besucht. Wer Fehlstunden hat, bekommt weniger Taschengeld  – was die Stadt 40 Mal exekutierte.

„Kursleiter und Sozialamt stehen in ständigem Austausch, man hat ein sehr individuelles Auge auf jeden einzelnen“, erzählt Patrick Pfeifenberger vom Büro der ressortzuständigen Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ). Diese setzt bewusst auf  Strenge – und fühlt sich darin  bestätigt. Seit Beginn der Maßnahme schafften 160 Leute den Einstieg ins Arbeitsleben – 50 fielen gänzlich aus der Mindestsicherung, 110 zum Teil, weil sie bereits einen Teil ihres Einkommens selbst bestreiten.

Wenn auch nicht vollinhaltlich, so haben einige andere Länder inzwischen das Salzburger Modell  teils übernommen. Das ist auch vor dem Hintergrund interessant, dass die Stadt pro Kursplatz 180 Euro zahlt –  der Bund aber mit 886 Euro fast fünf Mal so viel ausgibt.

Etwas findet  Lehrerin Gerstlohner bedauerlich: Selbst „Tausendsassa“ wie Hekmat  müssen sich – kaum sprechen sie leidlich Deutsch  – als Bäcker oder Putzkraft vorstellen. „Ich habe bereits als Tischler gearbeitet“, wirft dieser augenzwinkernd ein.

Gerstlohner hat am Sprachinstitut ihren „Traumjob“ gefunden. Seit kurzem lernt sie Hebräisch: „Dafür musste ich auch neue Schriftzeichen lernen – wie meine Arabisch sprechenden Schüler, wenn sie mit Deutsch beginnen. Das hat mein Verständnis für sie noch verstärkt.“

Fünf goldene Regeln der Integration

1. Sprachkenntnisse (aber auch die Muttersprache ist wertvoll)
2. Arbeit ist die Basis (muss aber auch ermöglicht werden)
3. Aus- und Weiterbildung schafft beste Rahmenbedingungen
4. private Kontakte zu Österreichern
5. Sport und Kultur (neugierig sein auf Neues)

Von Sigrid Scharf