Gute Manieren, wo seid ihr geblieben?

Der  Mann, der auf der Straße ausspuckt. Der Busfahrer, der beim Einsteigen nicht gegrüßt wird. Die Verkäuferin, die bei einer Reklamation wüst beschimpft wird. Es fehlt allerorts an gutem Benehmen, scheint es, die Liste ließe sich lange fortsetzen. Ist das gefühlte Wahrheit oder tatsächlich so?

Was Soul-Lady Aretha Franklin 1967 in einem ihrer größten Hits forderte, muss ein halbes Jahrhundert später wieder besungen werden: Respekt! Diese Tugend scheint in Vergessenheit zu geraten. „Der Eindruck stimmt“, bestätigt Elisabeth Motsch. Seit 25 Jahren berät die Stilexpertin aus Michaelbeuern Business- und Privatkunden in Sachen Etikette und gutes Benehmen. „Es gibt heute diese Laissez-Faire-Attitüde, nicht nur bei den Jungen. Erlaubt ist alles, wir sind eine moderne, sehr lockere Gesellschaft.“

Das bringe aber oft eine extreme Unsicherheit in sozialen Kontakten mit sich, da die Grundregeln abhanden gekommen seien. Bis zur 1968er-Generation wurde man streng erzogen. Zu grüßen, bitte und danke zu sagen,  war da gleichsam Gesetz. Der autoritäre Erziehungsstil gilt zurecht als überholt, dennoch braucht es (wieder) klare Regeln  in der Gesellschaft.

Diese unterliegen auch Veränderungen. So wird man heute als Kunde gern „geduzt“. Was manche als distanzlos ärgert, empfinden andere als angenehm. „Da gibt es zwei Lager“, weiß Motsch. „Mir persönlich geht das total auf den Geist. Oft fordert aber der Chef seine Mitarbeiter auf, Kunden zu duzen. Es ist ihre Firmensprache.“ In diesem Fall fände es Motsch  angebracht, dies auf einem Schild zu kommunizieren.

Welche Fauxpas werden im Privaten gemacht? Ihr sei es passiert, dass sie von einer Bekannten  einer anderen, die später zum Gespräch dazustieß, nicht vorgestellt wurde. „Sie reden und du fühlst dich wie das fünfte Rad am Wagen. Das ist extrem unhöflich.“ Passiert dies,   solle man sich einfach  selbst vorstellen.

Auch Tischmanieren werden gern ignoriert, nicht nur zuhause. „In der Öffentlichkeit muss man eine Serviette verwenden“, sagt Motsch. Und: Das Besteck werde ordentlich gehalten, „nicht wie beim  Metzger“. Noch was? Männer sollten  Frauen die Tür aufhalten. Gehört es sich in Zeiten der Emanzipation noch, der Dame in den Mantel zu helfen? Da sei Vorsicht geboten, weiß Motsch, Frauen könnten ruppig reagieren. Ihr Vorschlag setzt auf die richtige Formulierung: Darf ich Ihnen den Mantel reichen? Dreht sich die Dame zum Herrn hin, darf er ihr hineinhelfen, tut sie das nicht, gibt er ihr den Mantel in die Hand. Auch bei älteren Menschen müsse man aufpassen. Für die ist das selbstständige Anziehen oft Zeichen von Mobilität.

Elisabeth Motsch, Expertin für Stil und Etikette aus Michaelbeuern.
Foto: Suchanek

Respektlosigkeit in Schulen? Das Umfeld macht’s aus.

Um sich in der Gesellschaft adäquat zu bewegen, müsse man nicht den Knigge auswendig kennen, sagt Motsch: „Wichtig ist, Empathie zu entwickeln. Dafür  reicht es oft, in Gedanken die Rollen zu tauschen. Wie würde es mir gehen, wenn das, was ich sage, jemand zu mir sagen würde?“

Das lehrt auch Gabriele Weinberger bei Bedarf „ihre“ Jugendlichen. Seit Jahren unterrichtet die Sozialarbeiterin und Schauspielerin Mädchen in  Selbstverteidigung, deshalb ist sie viel in Neuen Mittelschulen unterwegs. Dort sei die gesamte Verhaltenspalette anzutreffen, von höflich  bis respektlos. „Manieren haben viel mit sozialer Ungleichheit zu tun. Wer Respekt einfordert, muss ihn vorleben. Kinder lernen am Modell“, so Weinberger. Die  Familie sei prägend.   Wächst das Kind  mit einer verrohten Sprache auf, gerät es später leichter in Konflikte – und weiß oft gar nicht warum.

Klar, dass auch der Freundeskreis auf junge Menschen wirkt. Und die virtuelle Welt. Was sich in den sozialen Medien an verbalen Entgleisungen abspielt, sei an Respektlosigkeit kaum zu überbieten. Andererseits gibt es dort auch die Möglichkeit, ganz einfach mit  Smileys Freude oder Dankbarkeit auszudrücken. In der realen Welt geht das übrigens  genauso einfach. Mit Blumen etwa. Wie man dankt, ist im Grunde egal, Hauptsache, man tut es.

Von Petra Suchanek

Das geht gar nicht!

  • Lautstark  telefonieren in Bus, Bahn, Cafés,  etc.
  • Am Handy rumspielen oder am Gegenüber vorbeisehen, während man mit diesem spricht.
  • Bei einem Treffen eine Person der anderen nicht vorstellen.
  • Sich im Restaurant den Mund  ohne Serviette wischen.
  • Rülpsen, ausspucken, urinieren in der Öffentlichkeit.
  • Sich (z. B. bei einem Bewerbungsgespräch) setzen, bevor man vom Gastgeber dazu eingeladen wird.
  • Einen Gast auffordern, die Schuhe auszuziehen.
  • Zum ersten Date im Jogginganzug erscheinen.