Sexualpädagogin: „Es geht nicht nur um Sex“

Respekt zwischen den Geschlechtern und die Basis für gute Beziehungen zu schaffen: Das ist Kernaufgabe der Sexualpädagogik. Kerstin Illichmann ist Sexualpädagogin und damit eine prägende Figur für die Frauen von morgen. Sie klärt Zehnjährige an Schulen auf.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Erwartungen der Frauen an die Männer stark  geändert. Was will sie denn nun, die moderne Frau von ihrem Partner? „Sie will  Augenhöhe in allen Bereichen“, hat Kerstin Illichmann eine einfache Erklärung parat: „Gleichberechtigung sowohl beruflich als auch privat – auch was die Kindererziehung und den Haushalt anbelangt.“
Für die zertifizierte Sexualpädagogin hängt diese Entwicklung mit der Emanzipation zusammen. Denn: „Stark waren wir Frauen schon immer. Jetzt dürfen wir diese Stärke  auch zeigen. Das trauen wir uns.“

Die Basis für gute Beziehungen zu schaffen: Das  ist neben der körperlichen Aufklärung ein Hauptziel der Sexualpädagogik. Es fängt schon in der Kindheit an.
Wichser, Titten, schwule Sau –  schon Volksschüler führen sie  im Mund, diese raue, sexualisierte und herablassende Sprache. „Ich sage ihnen dann, dass sich Mädchen gekränkt fühlen könnten, wenn sie Titten sagen und dass es dafür sicher ein besseres Wort gibt“, so die Mutter eines sechsjährigen Sohnes.

Die Stadt-Salzburgerin hat  drei Semester lang berufsbegleitend die Ausbildung zur Sexualpädagogin absolviert und klärt heute Zehnjährige auf – im Klassenzimmer. Zu meinen, es gehe dabei nur um Sex,  ist ein weit verbreiteter Irrglaube.

Wissen die Kinder Bescheid, sind sie weniger verunsichert

Freilich sind die körperlichen Veränderungen ein wichtiger Teilbereich: die erste Regel, feuchte Träume oder was es mit einer Erektion auf sich hat. „Wenn Kinder  Bescheid wissen, sind sie weniger verunsichert“, weiß Illichmann aus Erfahrung.  Sie spricht aber auch über  Freundschaft und was daraus entstehen kann. „Es geht um Werte, die eigene Identität (Stichwort: Mag ich mich selbst?), aber auch um den Schutz vor Missbrauch“, erklärt die Sexualpädagogin. Spätestens dann, wenn sie gegenüber den Eltern diese Punkte ins Feld führe, habe sie die Mütter und Väter auf ihrer Seite.

Seit Herbst arbeitet Illichmann an einem Pilotprojekt mit. Interessierte Schulen können im Auftrag des Bundeszentrums für Sexualpädagogik kostenlos Profis wie sie für einen Vormittag buchen. Dem Workshop – der immer in Gruppen und teilweise  für Mädchen und Buben getrennt stattfindet – geht immer ein Elternabend voraus. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und ist  vorläufig auf den Tennengau beschränkt. Gute Sexualpädagogik arbeitet immer bedürfnisorientiert und altersgemäß – schon um niemanden zu überfordern. Wenn ein Kindergartenkind fragt, wie ein Baby in den Bauch kommt, muss die Antwort einfach sein. Es genüge, ihm zu erklären, dass die Frau ein Ei und der Mann Samen habe und – wenn beide zusammen kommen – daraus ein Baby wachsen kann.

Generell erlebt Illichmann die heutigen Jugendlichen als nicht ausreichend aufgeklärt. Wenn sie  den weiblichen Zyklus erklären könnten und was zu tun sei, wenn ein Kondom platzt, wären sie für ihre Begriffe gut informiert. Das sei aber eher selten der Fall. Der freie Zugang zu digitalen Medien stellt ihrer Ansicht nach ein großes Problem dar, weil vielfach ganz falsche Bilder transportiert werden. Hier müsse man den Kindern klipp und klar sagen, dass in Pornos Schauspieler zu Gange sind und diese Videos nicht für die Augen eines Zehnjährigen gemacht sind. „Die nehmen das sonst  so auf und glauben, dass es auch in realen Beziehungen so laufen muss“, sagt Illichmann.

von Sigrid Scharf

Bilder:  Kerstin Illichmann ist Sexualpädagogin. Bei ihren Vorträgen hat sie eine gestrickte Gebärmutter in Originalgröße dabei.