„Man muss die Spielregeln neu schreiben“

Das SF sprach mit der bekannten Psychotherapeutin und Mentorin Christine Bauer-Jelinek.

Frau Bauer-Jelinek, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit Machtfragen.
Christine Bauer-Jelinek: Angesichts des Zustandes unserer Welt möchte man schon manchmal ein Machtwort sprechen – in der Politik, am Arbeitsplatz oder in der Familie. Doch oft sagen wir nichts, weil Angst oder Wut uns blockiert. Wir können diese unangenehmen Gefühle jedoch als hilfreiche Ratgeber nutzen.

Sie plädieren für mächtige Worte statt eines Machtworts.
Genau. Angst und Wut sind normale Gefühle. Zuerst müssen wir den Dingen auf den Grund gehen, auch wenn es schmerzt. Wir entkommen dem Leid nicht, wohl aber dem sinnlosen Leiden. Dabei eignet sich gut, die Dinge aus der Vogelperspektive zu betrachten, sozusagen mit Distanz. Wer sind die Guten, wer die Bösen, wo bin ich?

Geht das so einfach?
Wir dürfen nicht dabei verharren, Schuldige zu suchen. Wir müssen selbst etwas tun. Aber es gibt nichts umsonst, alles hat einen Preis. Da passieren im Umgang mit anderen „sportliche Fouls“, gibt es böse Nachrede, werden fremde Ideen als eigene ausgegeben. Frauen tappen gerne in diese Falle, weil sie höflich und nett sind. Hier müssen wir „zurückpratzeln“, am besten schlagfertig. Dafür eignen sich zweisilbige Antworten wie „Ach geh“, „Aha“, „Ja eh“. Oder man schaut es sich von Menschen ab, die man genau deshalb nicht leiden kann.

Warum fällt Frauen das Kontern so schwer?
Frauen kommunizieren nach oben, sie haben nicht gelernt, in Hierarchien zu leben. Männer üben das laufend bei den Rotariern usw. Und sie haben gelernt, niemals auf die Insignien der Macht zu verzichten – sie haben ihre Vasallen, gründen Komittees. Macht ist das Vermögen, den eigenen Willen gegen Widerstand durchzusetzen. Das ist weit nicht so schlimm wie es klingt.

Wenn Frauen nach Macht streben, wirft man ihnen vor, „männlich“ zu agieren.
Jetzt sind Menschen mit 40, 50, 55 Jahren an der Macht, sie wurden alle noch in traditionellen Rollenbildern erzogen, was bedeutet, dass hauptsächlich Männer in den Toppositionen sind. Das wird sich aber bald ändern, denn bei Jüngeren ist das nicht mehr zu finden.

Ändert sich da etwas?
Junge, selbstbewusste Frauen spielen nach neuen Regeln, gleichzeitig gibt es immer mehr junge Männer, die das althergebrachte Klischee nicht mehr erfüllen wollen und liebevolle Väter bzw. gute Hausmänner werden. Derzeit werden sie noch belächelt. Aber künftig werden wir mehr von denen brauchen.

Liegt das an den Spielregeln der Männer?
Nein. Das sind die Spielregeln der Etablierten und Herrschenden – heute noch meist Männer. Frauen aus dieser Schicht handeln aber genauso. Die Frau eines Generaldirektors hat viel mehr mit ihrem Mann gemeinsam als mit der Putzfrau, die sie engagiert.

Würde sich dieses System nicht automatisch ändern, wenn mehr Frauen in Führungspositionen kämen?
Ich bezweifle das sehr. Entscheidend ist: Man muss die Spielregeln neu schreiben. Außerdem sind das alles Scheingefechte, denn viel wichtiger wäre, die soziale Frage anzugehen. Die gesellschaftliche Spaltung geht munter weiter, Reich und Arm driften auseinander. Doch man redet lieber über Hasspostings im Netz.

Interview & Foto: Ricky Knoll