Warum Skilehrer auf Pizzaschnitten abfahren

Kinderskikurse sind ein Härtetest. Aber auch abseits der Piste ist der Alpen-Adonis gefordert. Skilehrer Thomas Gruber aus dem Gasteiner Tal erzählt über seine Profession.

Viele Legenden und Mythen ranken sich um  Skilehrer. Aber stimmen sie auch? Das „SF“ fragte bei Chefskilehrer Thomas Gruber (29) in der Schneesportschule Gastein  nach.

Ein perfekter Wintertag heute. Da muss man doch einfach gut gelaunt sein.
Gruber: Ich bin immer an der frischen Luft und ständig mit neuen Leuten unterwegs – für mich ist es der perfekte Job.

Täuscht der Eindruck oder braucht ein Skilehrer Nerven wie Drahtseile?
So ein Kinderskikurs ist eine der härtesten Angelegenheiten. Man muss bedenken, man ist mit acht so Stopseln unterwegs, alle mit unterschiedlichem Niveau und einem eigenen Kopf. Das fordert einen extrem.

Kommt Ihnen auch mal ein solcher „Stopsel“ abhanden?
Ja – das passiert. Dann ist Feuer am Dach. Da wird sofort durchgerufen zum Chefskilehrer und zu den Liften. In aller Regel ist das Kind aber nur einmal falsch abgebogen und es dauert nicht länger als 15 Minuten, bis es wieder an einem Lift auftaucht. In starken Wochen sagen wir den Kindern deshalb zu Kursbeginn, was in einem solchen Fall zu tun ist.

Wie viele geben während der Woche auf?
Das gibt es de facto  nicht. Nicht alle schaffen die ganze Woche in dem ihnen zugeteilten Kurs, aber da adaptieren wir täglich. Dann fahren sie halt in einer Gruppe mit niedrigerem Anspruch weiter. Das handhaben wir locker.

Manchmal plärrt der halbe Skikurs… Sind die Eltern zu ehrgeizig?
Die Eltern hegen enorm hohe Erwartungen, vor allem im Anfänger-Bereich. Das muss man klar sagen. Wir empfehlen, den kleinen Kindern unter vier Jahren eher wieder den Spaß am Schnee zurückzugeben und nehmen sie deshalb nur in den Mini-Club, wo der Zugang viel spielerischer erfolgt, gebastelt und im Schnee herumgerutscht wird und die Pausen länger sind. Da plärrt dann auch keiner.

By the way. Wann hat denn die Pizzaschnitte den Schneepflug abgelöst?
Dazu ist man übergegangen, weil die Pizza besser in die Welt der Kinder passt – und man den Begriff international kennt. Wir umschreiben den Pflug  auch mit Bootspitze oder Hausdach.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Ist das beim Skifahren auch so?
Erwachsene tun sich wirklich viel schwerer, schon was die Koordination angeht. Ein generell sportlicher Typ lernt auch das Skifahren im Erwachsenenalter. Was auffällt: Mit dem Alter kommen die Ängste vor einer Eisplatte oder dem Gefälle. Kinder denken da weniger nach.

Wie lange dauert ein Arbeitstag bei Ihnen?
In Stoßzeiten bis zu elf Stunden. Als staatlich geprüfter Skilehrer und -führer bin ich weniger in Gruppen als  privat unterwegs, vor allem, wenn die Leute ins Gelände fahren möchten.

Muss ein Skilehrer auch Animateur sein?
Ja. Es wird von vielen Gästen gern gesehen, wenn der Skilehrer noch mit an die Bar geht. Geselligkeit und Spaß braucht es während der Saison in jedem Fall. Auch die Optik und ein gewisser Coolness-Faktor müssen passen. Wenn Sie mich so fragen: Ja, man wird auch gern ein bisschen angebraten.

Das Skilehrer-Dasein als nie endende Party ist also kein Klischee?
Wir sind in einer vollen Dienstleistungsbranche. Zeit ist Geld, das gilt auch hier mittlerweile. Insofern wird die große Party tatsächlich immer mehr zum Klischee. Man darf aber nicht vergessen: Zu den besten Zeiten haben wir bis zu 100 Skilehrer beschäftigt, viele aus Holland und Schweden, manche russisch sprechend. Die kommen natürlich auch, um Party zu machen.

Was macht ein Skilehrer im Sommer?
Ich bin Wanderführer seit fünf Jahren. Davor habe ich als Rollerguide bei den Bergbahnen gearbeitet und als Skilehrer in Argentinien  – dort bin ich, rein zufällig, auf einen Schwung alter Bad Gasteiner Gondeln gestoßen. Das muss man sich einmal vorstellen.

Machen Sie nach so langer Zeit noch Fortbildung?
Jeder Skilehrer macht mindestens alle drei Jahre Schulungen. Dabei geht es um technische Fragen und darum, wie man einen Gast unterrichtet.

Die Technik ändert sich ja laufend. Was macht den Skistil 2017 aus?
Nachdem mit dem Carving-Ski die Renntechnik Einzug gehalten hat, geht es jetzt wieder in Richtung Schön-Skilauf. Die Ski werden etwas länger, damit lauffreudiger, man verschneidet weniger leicht. Man steht hüftbreit und aufrechter auf dem Ski und muss sich nicht mehr so verkrümmen, um ihn auf die Kante zu bringen. Das ergibt eine natürlichere Körperhaltung und ein schöneres, angenehmeres Skifahren.

Die Kartenpreise steigen jährlich, die Leute jammern. Machen Sie sich Sorgen um den Nachwuchs?
Ja, so ein Winterurlaub ist ein teures Vergnügen. Andererseits erwarten sich die Leute auch immer mehr. Da findet ein richtiges Wettrüsten statt. Aber im internationalen Vergleich sind wir preislich im Mittelfeld und es gibt viele gute Angebote, damit sich die Leute den Sport weiterhin leisten können.  Einheimische können bei uns etwa im Wintersportverein gegen einen moderaten Mitglieds- und Trainingsbeitrag relativ viel Skifahren. Und man braucht sich ja nur auf den Pisten umzuschauen: Die sind rappelvoll heuer. Die Saison läuft sehr gut.

Text und Bilder von Sigrid Scharf