Sie gibt Bettlern eine Stimme

Maria Wimmer ist für Menschen da, denen sonst niemand zuhört.

Bitterkalt sind die Nächte, zweistellige Minusgrade eher die Regel als die Ausnahme. Während unsereins schon jammert, wenn er ohne Handschuhe nur kurz den Müll rausbringt, leben andere Menschen tagelang auf der Straße.

Logisch, dass da die Notschlafstellen stark frequentiert sind. Die rund 70 Plätze im Haus Franziskus – es eröffnete im Oktober – sind voll belegt, sodass die Caritas zusätzliche 20 Plätze in der Arche Süd wieder aufgesperrt hat.

Eine, die zwar ein warmes Zuhause hat, aber dort ebenfalls ein und aus geht, ist Maria Wimmer-Schausberger. Die Pensionistin engagiert sich mit ihrem Mann seit Jahren freiwillig in der Notschlafstelle. Ihr geht es um den Austausch. Sie will mit Notreisenden, landläufig Bettler, in Kontakt kommen. Wenn sie abends in die Notschlafstelle kommen, wollten viele neben duschen und essen (am liebsten Kartoffeln und Fleisch) auch reden, sagt Wimmer. Sie zeigen Fotos von ihren Kindern, erzählen, wie es ihnen geht oder dass sie krank sind. „Als ich mich da bei einem Mann zwei Wochen später noch einmal erkundigt habe, war er zu Tränen gerührt, einfach weil jemand nachgefragt, ihn gehört hat“, erzählt Wimmer. Für eine bessere Verständigung lernt sie seit Kurzem in einem Caritas-Kurs sogar die Sprache der Roma.

Wenn sie im Einsatz ist, hilft Wimmer bei der Zuweisung und der Gepäckkontrolle – was ihr am wenigsten gefällt. Doch Alkohol und waffenähnliche Gegenstände müssen die Leute abgeben. Über Nacht laufen die Waschmaschinen. Jedes 8-Bett-Zimmer darf maximal einen Wäschekorb befüllen. Manche haben eine Zuweisung für 14 Tage, andere bleiben nur eine Nacht – immer für einen Selbstbehalt von 50 Cent. Nicht für jeden ist jede Nacht Platz, aber die Kapazitäten reichen aus, um die Leute in 14 Tagen zumindest einmal aufnehmen zu können. In der Früh um acht sind alle Roma ausgeflogen – um die Bettelplätze zu besetzen, da herrscht ein Wettbewerb.

Solange sie im Notquartier sind, sind alle aufgefordert, sich einzubringen. Das funktioniert. „Manche Männer halten hier zum ersten Mal in ihrem Leben einen Besen in der Hand und sind mächtig stolz“, sagt Sozialarbeiter Torsten Bichler, der das Haus leitet. Die stecken andere an. Konflikte gibt es selten. „Ganz einfach deshalb, weil wir die allerletzte Anlaufstelle sind. Es geht niemand das Risiko ein, auch noch dieses Bett zu verlieren“, sagt Bichler.

Rund 80 bis 120 Freiwillige unterstützen sein Team, genug kann es nie geben. Allen gemein sei eine gewisse Neugier und Offenheit, auf andere zuzugehen. Er freut sich über jeden. „Sie tun etwas für die Klienten, für uns und räumen mit Legenden auf, etwa jener der ,Bettler-Mafia‘. Man muss nur sehen, wie die Roma hier reagieren, wenn man sie damit konfrontiert: Sie lachen, weil sie allein die Idee so absurd finden“, sagt Bichler: „Unsere Freiwilligen sehen das und erzählen das weiter. Insofern leisten sie wichtige Aufklärungsarbeit.“

Sigrid Scharf