Kassierin: „Keinen Stress aufbauen“

Eine Supermarkt-Kassierin verrät, wie man freundlich bleibt.

Die gelernte Einzelhandelskauffrau Patricia Ortner, 54, sitzt seit der Eröffnung des Europarks vor 20 Jahren an der Interspar-Kassa.
SF: Träumt man nach 20 Jahren an der Kassa nachts vom Piepsen des Scanners?
Patricia Ortner: Nein, da kann ich komplett abschalten. Auch der Geschäftslärm macht mir nichts aus. Ich bin da wie ein Pferd mit Scheuklappen. Das ist Einstellungssache. Ich baue keinen Stress auf, das mag ich nicht.

Kennt man sich in einem großen Betrieb wie dem Interspar untereinander?
Ich kenne von allen 170 Mitarbeitern den Vornamen und spreche sie auch damit an. Viele meiner Kundschaften begrüße ich mit dem Familiennamen.

Ist man als Kassierin besonders kritisch, wenn man woanders einkaufen geht? Oder hat man mehr Verständnis für Probleme?
Ich bin da sehr kritisch. Ich bin nämlich eine, die auch dem 1000. Kunden noch in die Augen schaut. Wenn ich einkaufen bin und ignoriert werde, kann es sein, dass ich die Sachen dort lasse und gehe. Ich mag es persönlich, nicht wie am Fließband. Da hat sich leider viel geändert.

Inwiefern?
Es ist alles schnelllebiger geworden, dadurch haben sich auch die Kunden verändert. Besonders stressig ist es immer vor Weihnachten. Da reicht’s schon, wenn einer am Wagen des anderen anstößt und es gibt böse Worte. Am 24. schauen dich die Leute dann oft nicht einmal mehr an.

Es gibt aber sicher auch Positives zu berichten?
Der Großteil der Kunden ist angenehm. An mir hat noch keiner seinen Frust ausgelassen. Erstens bin ich selber immer gut gelaunt und zweitens behandle ich alle gleich: Junge, Alte, Ausländer, Kinder. Man kriegt das zurück, was man ausstrahlt. Bei manchen Kundschaften denke ich mir sogar, hoffentlich kommt der bald wieder, der hat eine positive Einstellung.

Erinnern Sie sich an ein besonderes Erlebnis?
Ich hatte schon mehrere Kundschaften, die vor der Kassa umgefallen sind. Und vor 15 Jahren wurde einmal der Markt geräumt, weil der Marktleiter verschüttetes Waschpulver für Anthrax gehalten hat. Besonders schön finde ich, wenn zufriedene Kunden sich schriftlich bedanken.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Ganz unterschiedlich. Mal fange ich um 8 Uhr an und höre um
19 Uhr auf, dann wieder geht’s erst um 14 Uhr los. Ich bin ausschließlich für die Kassen zuständig. Ich darf hier auch nicht weg, weil dahinter der Weg ins Geschäft offen ist.

Wie verbringen Sie Ihre Pausen?
Ich habe drei Mal eine halbe Stunde. Ein Mal gehe ich essen, wir bekommen Markerl. Nur einen Teil bezahlen wir selbst. Die anderen beiden Pausen nutze ich für Spaziergänge im Freien. Einkaufen gehe ich nicht. Das wäre ja schon wieder Stress.

Was passiert, wenn am Abend die Kassa nicht stimmt?
Mir ist das noch nicht passiert. Wenn man aufpasst, kommt es nicht dazu. Sollte es einmal so sein, ist die Differenz – wie im Handel üblich – zu bezahlen.

Wissen Sie grob, wo im Geschäft was steht?
Das weiß ich nicht nur grob, sondern genau. Vor Dienstbeginn gehe ich immer durchs Geschäft und schaue, ob wir etwas Neues bekommen haben oder ob etwas umgestellt wurde. Ich will das einfach wissen.

Freitagabend haben Sie bis 21 Uhr geöffnet. Kommt so spät noch jemand?
Natürlich, viele sogar. Oft sind es die Jungen zwischen 16 und 25, die vorglühen. Unter der Woche haben wir eine halbe Stunde länger offen als die anderen Geschäfte. Da kommen dann viele Mitarbeiter der Shoppartner.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation?
Ich bin seit 34 Jahren verheiratet und ein Familienmensch. Mich baut das auf. Wenn es zu Hause stimmt, ist man auch in der Arbeit positiver eingestellt.

Haben Sie einen Wunsch ans Christkind?
Ich hätte gern mal wieder am 24. Dezember frei. In meinen 20 Jahren hier war das erst zwei Mal der Fall.

Interview: Thomas Strübler

Foto: Strübler