Ein Essen gegen die Einsamkeit

Zum Mittagstisch im „Taxi“: Ernst Kittl fährt drei Damen freiwillig und unentgeltlich zum Mittagessen. Damit sie in illustrer Runde speisen können statt allein zu Hause vor dem Teller zu sitzen. Das SF hat Kittl im Rahmen des internationalen Tages der Freiwilligkeit am 5. Dezember kennen gelernt.

Treffpunkt: Spar, Morzger Straße. Eine ältere Dame im grauen Mantel wartet  im Nieselregen, als kurz vor elf Uhr ein grauer Škoda vorfährt. Ein Mann um die 70 steigt aus, begrüßt sie mit großem Hallo, nimmt ihr den Stock ab und hilft ihr beim Einsteigen. „Er ist ein Gentleman der alten Schule“, sagt die Frau. Sie heißt Erika Tanacek. Der Mann heißt Ernst Kittl. Er fährt sie regelmäßig zum  Mittagstisch in den Treffpunkt Süd der Diakonie, den der Verein dort mit der Stadt Salzburg betreibt.

„Es geht um die Geselligkeit, darum, dass ich nicht allein zu Hause sitzen und  essen muss“, sagt Tanacek, die eben ihren 80er gefeiert hat. Außerdem gibt es das Menü dort um günstige fünf Euro – für die Mindestpensionistin kein unwesentliches Argument: „Mir ist der Mittagstisch sehr wichtig, ich möchte ihn nur ungern missen.“

„Ich mache es, um etwas zurück zu geben.“

Kittl macht diese Fahrtendienste freiwillig – wie die beiden Herren, mit denen er sich abwechselt.  „Selbst habe ich keine Eltern mehr und mir persönlich geht es  gut. Da kann ich  leicht etwas  zurückgeben“, nennt er seine Motivation.

Kittl, er ist übrigens der Bruder des langjährigen Feuerwehrkommandanten Walter Kittl, hat sich vor sechs Jahren auf die Liste des Freiwilligen Netzwerks der Diakonie setzen lassen. Darauf stehen in Summe rund 60 Personen. Ihr Engagement ist breit gefächert. Manche lernen mit Kindern,  andere  helfen Flüchtlingen beim Deutschlernen oder besuchen Senioren, um ihnen die Zeit zu vertreiben.  Kittl drückt eben aufs Gaspedal.

Die Busverbindung ist kompliziert, ein herkömmliches Taxi zu teuer

Das SF nahm den Internationalen Tag der Freiwilligenarbeit am  5. Dezember, zum Anlass, ihn  zu begleiten. Im Grunde trennen seinen „Schützling“ Tanacek nur lachhafte fünf Kilometer  vom geselligen Mittagstisch. Für einen älteren Menschen können die jedoch schwer zu überbrücken sein. Bei Tanacek spielt die Wirbelsäule nicht mehr mit. Obendrein ist die Busverbindung  kompliziert. Und ein herkömmliches Taxi komme ihr einfach zu teuer, sagt sie.

Auf dem Weg in die Hans-Webersdorfer-Straße wird für gewöhnlich noch zwei Mal Station gemacht, um Mina und Rosa aufzupicken. Letztere ist heute verhindert. Mina geht es ganz ähnlich wie Erika: Sie will sich mit anderen austauschen, plaudern und günstig essen – auch sie ist Mindestpensionistin. Sie braucht Kittl, weil „das Mundwerk noch super funktioniert, aber die Füße nicht mehr“.

20 bis 25 Senioren kommen so zwei Mal die Woche mittags zusammen

Am Mittagstisch empfängt Koordinatorin Michaela Wallmann die Gäste. Jeweils 20 bis 25 Senioren treffen sich  jeden Dienstag und Donnerstag bei ihr: „Dieser Mittagstisch ist in der Form einmalig in der Stadt. Und es stimmt: In der Gemeinschaft schmeckt es einfach  besser.“ Kittl sagt:  „Uns verhungert niemand zu Hause. Wir sind hier wie eine Familie. Ist jemand krank, bringen wir ihm das Essen auch nach Hause. Taucht jemand einmal 14 Tage gar nicht auf, fragen wir nach, warum das so ist.“

An diesem Tag stehen Zwiebelsuppe, Rindfleisch mit Kartoffeln und Spinat sowie eine Biskuitroulade auf dem Speiseplan. Das Essen wird frisch gekocht  und vom Samariterbund aus dem Seniorenheim Hellbrunn gebracht. Um den (Rück-)Transport der Esser kümmert sich wieder Kittl.

Nur manchmal, da geht es so lustig zu, dass die Ladies noch etwas  bleiben und Rummikub spielen wollen. Auch dabei steht eine freiwillige Helferin zur Seite, die dann in aller Regel auch das „Heimtaxi“ spielt.
von Sigrid Scharf