Ohren sind nur zur Deko am Kind

Ich glaube, wenn man als Mama seine Kinder vor einer drohenden Gefahr warnt, dann klingt das in deren Ohren so: „Hör auf mit bzzzzzzzzzzzzzzz, weil sonst tust du dir bzzzzzzzzzzzzzzz und Achtung, bzzzzzzzzzzzzzzz.“ Die hören das einfach nicht.

„Steig nicht barfuß auf die spitzen Felsen“, „Vor der Wiese musst du bremsen“, „Kletter lieber auf der anderen Seite runter“, das alles ist für sie ein einziges bzzzzzzzzzzzzzz. Da lachen sie einem noch ins Gesicht, tralala, hupf in Gatsch, machen es trotzdem – und dann? Es folgt: das große Geschrei. Blut, Tränen, Gebrüll. Und eine Mama, die stöhnt: „Ich hab’s dir ja gesagt!“ Im Sommer bin ich zum Beispiel mit meinen zwei Zwetschken vom Hofer Strand abends rauf zum Parkplatz marschiert, und so schön der Hofer Strand auch ist: Die Distanz zum Auto ist mit kleinen Kindern einfach oasch, vor allem nach dem Badetag, wenn sie fertig und raunzig sind. Die Kleine dreht sich plötzlich um und rennt bergab, ich rufe: „Pass auf! Nicht so schnell auf dem Schotter!“, sie hört bzzzzzzzzzzzzzz – und batsch: zwei blutige Knie, zwei blutige Handballen, ein brüllendes Kind.

Ich packe das 428 Kilo schwere Badezeug, das man mit Kindern ja immer mithat, auf eine Körperseite und trage das schluchzende Kind auf der anderen. Da fängt der Große an zu rennen, ich rufe: „Nicht! Sonst schmeißt’s dich auch noch!“, er hört bzzzzzzzzzzzzzz – und batsch: vier blutige Knie, vier blutige Handballen, zwei brüllende Kinder und noch gefühlte 28 Kilometer bis zum Auto, in der Gluthitze der untergehenden Sonne. Das war ein sehr intensiver, emotionaler Moment.

Karikatur: Thomas Selinger

Karikatur: Thomas Selinger

Das Schlimme an solchen Es-ist-neben-der-Mama-passiert-Verletzungen ist: Das Kind spürt den Schmerz, aber die Mama badet’s mit aus. Die ist dafür verantwortlich, dass es a) diesen Schmerz jetzt gibt, b) dass dieser Schmerz wieder weggeht, und zwar c) auf der Stelle! Zuhause hab ich die Kinder gebadet – noch mehr Geschrei –, die Wunden desinfiziert und mit allen verbliebenen Pflastern, die wir noch hatten, verarztet. Anscheinend will der Nachwuchs nicht wahrhaben, dass die Erwachsenen manchmal halt doch was besser wissen bzw. mehr Überblick haben und schon erkennen, was gleich passieren wird. Ein kleiner Teil von mir möchte ja denken: Selber schuld, wieso hörst du nie auf mich!, aber dazu tun sie mir viel zu leid, und ein schlechtes Gewissen hab ich ja auch, weil ich das irgendwie hätte verhindern müssen. Zwei Stunden später hab ich den Sohn übrigens gewarnt: „Hüpf nicht vo – bzzzzzzzzzzzzzz.“

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin und betreibt den Literaturblog www.buecherwurmloch.at – Fallwickl ist per E-Mail unter interaktiv@svh.at erreichbar.