Hausgemachte Höllenqualen

Die Hölle stell ich mir so vor: eine Umkleidekabine. Grelles Neonlicht, das sämtliche Dellen, Flecken und Härchen gut ausleuchtet und Augenringe aussehen lässt wie Vulkankrater in Island. Ein Vorhang, der nicht g’scheit zugeht, auf der Seite bleibt immer ein Spalt offen, draußen haufenweis Leute, die reinspechtln.

Und dann: Bikinis anprobieren. Aus denen oben und unten alles rausquillt. Oder wahlweise Skinny Jeans. Und zwar solche, in denen man schon auf halbem Weg bei den Oberschenkeln steckenbleibt. Sollte man es doch schaffen, sich reinzuzwängen, indem man den Bauch bis zu den Ohren einzieht, weiß man genau: Da komm ich nie wieder raus. Außer die Naht ist so gnädig und platzt auf. Und das alles in Endlosschleife – das ist die Hölle.

Weil: Es gibt da etwas, das offiziell nicht existiert, das aber trotzdem viele Frauen haben. Einen After-Baby-Body. Einen was? Ich würd ja jetzt einfach sagen: einen Körper. Aber die Gesellschaft – also wir alle – hat beschlossen, dass der Körper einer Frau zu klassifizieren ist, und zwar nicht nur mit den Stempeln moppelig/mager/haarig/klein/groß, nein, auch mit den Kategorien Vorgebärzustand und Nachgebärzustand.

Und danach ist der halt meist ein bisserl aus der Form geraten, hängt und schwabbelt, man sieht ihm an, dass da ein Mensch drin gewachsen ist (oder zwei oder drei). Das ist tabu. Das ist nicht schön. Das will keiner sehen. Wie schnell so ein Bauch weggeht, der immerhin vierzig Wochen gewachsen ist, ist nach einer Geburt total interessant. Wichtiger als Stillzeiten und Durchschlafnächte ist die Frage: Passt die Mama drei Wochen später wieder in Größe 36? Nein? Ach herrje, hat sie sich zu sehr gehen lassen. Machen wir ihr doch ein bisserl Stress, die ist ja sicher noch nicht beschäftigt genug. Weisen wir sie auf Heidi Klum hin, die direkt von der Kaiserschnitt-OP auf die Victoria’s-Secret-Bühne gehüpft ist. Bemitleiden wir sie, weil sie nicht mehr so ausschaut wie früher.

hausgemachte-hoellenquallen2

Warum? Was ist los mit uns? Wieso sollte überhaupt eine Norm für Körper gelten, wenn doch jeder einen anderen hat? Es wäre viel klüger, statt Bodyshaming Bodyloving zu betreiben. Die Streifen, Dellen und Restbäuche zu akzeptieren, den Körper zu achten, ihn zu zelebrieren, er hält durch mit wenig Schlaf, er bietet eine Schulter zum Anlehnen, er ist ein Kuschelberg! Hören wir auf, an Magerwahn und Glattheitswahn zu leiden. Denn die Hölle, meine lieben Mitfrauen, die machen wir uns damit ganz allein selbst.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail:interaktiv@svh.at