Tausche Alltag gegen Freizeit

Wir leben im Stress. Und lassen den lästigen Alltag nur zu gerne von anderen erledigen. Denn die sind stets zu Diensten.

Das Geschäft von Gabriele Hummer ist gefragt. In ihrem „Bügelatelier“ in Aigen gehen täglich rund 20 Körbe voller Wäsche – oder bis zu 400 Hemden – übers Bügelbrett. Es war im Mai 2013, als die gelernte Einzelhandelskauffrau ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Denn ja: Vom Bügeln bekommt Frau Hummer nie genug. Zehn Stunden am Tag stehen sie und ihre Mitarbeiterin im Laden und kümmern sich um Wäsche von anderen. „Es ist schon ein Luxus“, sagt Hummer (im Bild oben). „Aber meine Kunden arbeiten hart und haben wenig Freizeit. Die wollen sie dann nicht mit Bügeln verbringen.“ Viele Kunden sind alleinstehende Männer. „Ich könnte schon fast eine Singlebörse aufmachen“, lacht Hummer. Aber auch immer mehr berufstätige Frauen würden sich das Bügeln erledigen lassen.

An ungewöhnlichen Dienstleistern mangelt es in Salzburg nicht. Da sind etwa die „Autonauten“ im Outlet-Center in Wals. Die bieten eine Autowäsche der besonderen Art an – nämlich ohne Wasser. Mit speziellem natürlichen Wachs wird das Auto im Parkhaus auf Hochglanz gebracht, während der Besitzer im Outlet-Center durch die Läden stöbert. Das findet Anklang: Die Fahrzeuge von Shopping-Gästen stehen vor den „Autonauten“ im ersten Stock des Parkhauses mittlerweile Schlange. Erfinderin Sonja Lechner und ihr Mann planen nun, eine Franchise-Kette zu gründen und mit den „Autonauten“ durchzustarten. Aus einem alltäglichen Problem heraus sei die Idee entstanden, sagt Lechner: „Durch Kinder und Hunde war mein Auto ständig dreckig. Ich wollte aber nicht zwei Stunden in einem Industriegebiet warten, bis es gewaschen ist, sondern in der Zeit etwas Sinnvolles tun können.“

autonauten

Die „Autonauten“ (im Bild Mitarbeiter Marius Baltoi) schrubben die Autos, während die Kunden im Outletcenter einkaufen.

Haushaltshilfen, Lieferservice, Umzugsdienste: Der Dienstleistungs-Boom kommt nicht von ungefähr. Immer weniger Freizeit und immer mehr Verantwortung lassen uns alltägliche Aufgaben auslagern – und das zu einem teils saftigen Preis.

Die andere Seite: Teilen statt Verbrauchen

Eine ganz andere Antwort auf die Zeitnot der Menschen hat die Onlineplattform „FragNebenan“. Sie plädiert für mehr Solidarität und Gemeinschaft statt individualisierter Servicekultur. Ähnlich wie bei sozialen Netzwerken erstellt man hier ein Profil und gibt an, welche Art von Nachbarschaftshilfe man sucht und welchen Service man selbst bereit ist zu geben. So machen sich österreichweit schon 43.000 Personen über „FragNebenan“ auf die Suche nach Hobby-Handwerkern, Hundesittern, Einkaufshilfen und Wohnungshütern. In Salzburg haben sich rund 200 Personen angemeldet.

Ziel sei es, die Bewohner großer Städte wieder zu ermutigen, ihre Nachbarn kennenzulernen, erklärt einer der Erfinder, Stefan Theißbacher. „In Städten grüßt man sich vielleicht im Stiegenhaus, aber auf der Straße würde man den eigenen Nachbarn gar nicht mehr erkennen.“

Verkauft werden darf auf „FragNebenan“ nichts. Den größten Anteil an Nachbarschaftshilfe auf der Plattform mache aber ohnehin das Verleihen und Ausleihen von Werkzeug und Kochutensilien aus, erklärt Theißbacher. „Dienstleistungen wie Babysitten oder Blumengießen werden in der Regel erst dann in Auftrag gegeben, wenn man den Nachbarn schon besser kennt.“ Genutzt wird die Plattform trotzdem relativ intensiv: Laut Theißbacher bekommt jede Anfrage im Durchschnitt drei Antworten. Eine ganz ähnliche Plattform ist „Wir Gemeinsam“. Hier werden die Dienstleistungen sogar mit Zeitgutscheinen belohnt, die man dann bei Bedarf selbst einlösen kann. In Hallein etwa wird das Angebot schon genutzt.

Formen des sogenannten sozialen Tauschens erleben eine Renaissance. Flohmärkte, Repair-Cafés und alternative Supermärkte sind am Vormarsch. Beim Seenland-Repair-Café in Mattsee konnte man vor Kurzem sogar einen Besucherrekord verzeichnen: Innerhalb von fünf Stunden wurden 140 Geräte repariert.

Das alles zeigt vor allem eines: Wir bemühen uns, Produkte zu erhalten, und konsumieren dafür umso mehr Dienstleistungen. Denn, wie es eine Kundin im „Bügelatelier“ von Gabriele Hummer treffend formuliert: „Heutzutage hat doch keiner mehr Zeit zum Bügeln.“

Katharina Maier