Ohren zu und durch

Ich bin ja meistens ziemlich cool. Sehr gelassen. Nicht geduldig, das nicht, aber gechillt. Ich bin wie ein dicker Buddha (nur ohne das Lächeln) mit langer Zündschnur. Lahme Autofahrer sind mir schnurz. Unfreundliche Leute auch. Und brunzdumme Kommentare? Who cares.

Wer mich ärgern will, muss einiges an Aufwand betreiben, bis ich mal explodiere. Wenn das einer schafft, okay, ja, dann gibt’s kein Kabümmchen, sondern ein KABUMM, aber das ist eine andere Geschichte. Generell bin ich viel zu faul, um mich aufzuregen. Dafür müsste ich Energie aufwenden, die ich nicht habe, weil ich sie für die 728 anderen Dinge brauche, die mich jeden Tag beschäftigen.

Die Sache ist nur: Wenn ich das Geräusch höre, dann gilt alles, was ich jetzt geschrieben habe, nicht mehr. Denn das Geräusch macht mich narrisch. Das Geräusch reißt mir die Nerven raus und schmeißt sie weg. Ich werd ganz fuchsig, wenn es ertönt. Meine Tochter quietscht. Und ich sag’s Ihnen: Gegen das Quietschen einer grantigen Dreijährigen ist das langsame, schrille Ziehen eines Stücks Kreide über eine Tafel ein Lercherlschas. Als sie in der Trotzphase war, ungefähr vor einem Jahr, war es noch schlimmer als jetzt: Da hat sie im Minutentakt ein „Nahahahaiiin“, „Niiie wiiieder“ oder „Ich wiiill das niiicht“ rausgequietscht. Bei allem – beim Essen, beim Anziehen, beim Rausgehen, beim Reingehen. Ich kann das hier ja schlecht nachmachen, aber stellen Sie sich die iii gezogen und sehr hoch vor. Als würde man Ihnen mit Fingernägeln ins Hirn kratzen.

Ein Benzen und Nörgeln und Quengeln und Biezeln. Manchmal kreischt sie auch, um die Dramatik zu erhöhen, da knirsche ich dann schon mit den Zähnen und spanne alle Muskeln an. „Bitte sprich normal mit mir“, sage ich betont ruhig (aber diese Gelassenheit ist nicht mehr echt, die ist gespielt), und: „Ich versteh dich nicht, wenn du so kreischst.“ Das ist ihr freilich wurscht, da könnte ich genauso ganz in Rot gekleidet vor einem Stier stehen und sagen: „Das ist jetzt wirklich kein Grund, auszuflippen.“ Noch dazu hat meine Tochter einen Bruder. Der quietscht nicht. Aber es amüsiert ihn, wenn sie es tut. Deswegen ärgert er sie, wenn sie eh schon übermüdet oder einfach aus einer Laune heraus unzufrieden ist. Dazu muss er sie nicht zwicken oder sonst was, es reicht, in ihre Richtung zu schauen. Dann quietscht sie und er lacht und ich schimpfe. Und buche in Gedanken ein Ticket auf eine einsame Insel, wo ich rumliegen und nur den Wellen lauschen könnte. Allein. Ganz gechillt.

Karikatur: Thomas Selinger

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at