Der Smartphone-Eremit

Lieferinger lebt ohne Handy: „Bin viel mehr im Hier und Jetzt“.

Christian Dobler hat zeit seines Lebens gut ohne Smartphone gelebt. Es aus seinem Alltag fernzuhalten fußt auf zwei Überlegungen.

Zum einen sind das die ungewissen gesundheitlichen Auswirkungen der Dauerbenutzung, zum anderen stört den Lieferinger massiv, wie exzessiv die Leute heute ihr Handy nutzen. Zwei pubertierende Kinder an der „Grenze zur Handysucht“ führen Dobler das drastisch vor Augen. „Bei Konzerten oder im Urlaub sind junge Leute wie sie nur mehr physisch anwesend“, beklagt er. Die meiste Zeit seien sie damit beschäftigt,  abzufilmen, was sich gerade tut, um  ihrer Community genau das möglichst zeitnah zu dokumentieren. „Obwohl sie ja wie gesagt gar nicht  im Hier und Jetzt sind.“

Außerdem sei es mit dem „Kastl“ zunehmend schwieriger geworden, Termine zu vereinbaren. „Eine Woche vorher will sich niemand festlegen,  einen halben Tag vorher heißt es: Jetzt bin ich verplant. Alles bleibt unverbindlich bis zuletzt. Das hat dazu geführt, dass ich mich mit manchen Leuten gar nicht mehr treffe“, sagt Dobler. Interessant ist, wie der Mann seinen Beruf bewältigt. Ausgerechnet er ist nämlich in der Internetbranche tätig. „Erreichbar sind wir zu den Bürozeiten. Das funktioniert tadellos. Es gibt uns seit 20 Jahren“, sagt Dobler, der sich wegen seines  Handyverzichts aber nicht in  die Kategorie „Steinzeitmensch“ drängen lassen will: „Die Errungenschaften der Technik sind gut, aber man darf sich  nicht dem Reiz hingeben, sich vollkommen darin zu verlieren.“

Das Problem heute sei, dass selbst vielen Erwachsenen die richtige Distanz fehlt, sie selbst ständig ins Handy schauen und so   ihren Kindern ein schlechtes Beispiel geben. Und  die Schule als Bildungseinrichtung versage  in der Vermittlung von Medienkompetenz kläglich, meint Dobler.

Ob seine Kids  denn ihn als Vorbild nehmen? „Leider nicht“, muss der Vater einräumen. Mittlerweile ist er ihnen wieder einen Schritt entgegengekommen. Als seine Familie vor drei Jahren in die Brüche ging, hat sich Dobler erstmalig ein Handy angeschafft – um einen direkten Draht zum Nachwuchs zu haben. Bis heute ohne Internetvertrag. Wenn er telefoniert, dann stets nur über eine Wertkarte. Und die Kosten überschreiten jährlich 20 Euro  nicht.

von Sigrid Scharf