Smarties und Smommies im Sperrgebiet

Wenn man Kinder bekommt, betritt man eine neue Welt. Okay, eigentlich sind es 257 neue Welten, und jede ist voller Abgründe, die Welt des Schlafentzugs zum Beispiel oder die der Gnack-Gack-Windeln. Heute widmen wir uns einem solchen Universum: dem Kindergeburtstag.

Der ist wie ein Sperrgebiet, das nur Eingeweihten zugänglich ist und von dem Kinderlose nichts wissen. Darin finden zwar heiteres Nacktbaden, wissenschaftliche Experimente und Jubelschreikonzerte statt – aber nicht für Erwachsene.

Die können nur zuschauen und sich an die erlernte Gewissheit klammern, dass alles irgendwann vorbeigeht. Willkommen in dieser Welt! Öffnen Sie die Tür, treten Sie ein! Sofort schlägt uns entsetzlicher Lärm entgegen, wie Obertongesang aus Mäusestimmen. Sorry, daran müssen Sie sich gewöhnen, schauen Sie nicht so verzwickt. Immer lächeln! Als Erstes begrüßen wir die Gastgeberin, die erkennen Sie an dem kleinen Papiersack, in den sie atmet. Könnte auch eine Wodkaflasche drin sein.

Bevor unsere Kinder sich ins Gewühl stürzen, müssen wir sie ermahnen, sich zu benehmen, was ähnlich effektiv ist wie von draußen in den Bipa zu schauen und zu glauben, man sei dann geschminkt. Als Nächstes: die Mütter. Da gibt es die entspannten Grinsemamas, aber lassen Sie sich nicht täuschen: Die haben Prosecco im Hello-Kitty-Pappbecher. Daneben sitzen die Screaming Mums, die ihre Kinder in einer Tour aus der Ferne anschreien: „Luca-Manfred, wenn du noch einmal die Leute anspritzt, setz ich dich ins Auto!“, und keine dieser leeren Drohungen jemals wahr machen. Die Sitten-Muttis, deren Töchter weiße Kleider und Zöpfchen tragen, zischen „Setzdichordentlichhin“, „Hastdudankegesagt“ und „Machdichjanichtschmutzig“.

Karikatur: Thomas Selinger. www.seli.at

Karikatur: Thomas Selinger. www.seli.at

Kurios sind die versteinerten Mienen der Guck-in-die-Luft-Mamas, die so tun, als gehörten die kreischenden, um sich schlagenden Gören nicht zu ihnen. Die Smartphone-Moms, kurz Smommies, stecken das Gesicht ins Handy oder rennen damit dem Nachwuchs hinterher, um ihn zu fotografieren: „Pauuul, schau doch mal zur Mama!“ Die Pädagogenmamas versuchen, die wilde Zuckerschock-Kinderhorde zu einem Spiel zu animieren, für das sie extra was bemalt, beklebt und laminiert haben.

Ich dagegen kann nicht mal gerade schneiden. Aber zuschauen und innerlich lachen, das kann ich. Keine Sorge, wir dürfen bald wieder raus aus der Sperrzone, und Geburtstag hat jedes Kind nur einmal im Jahr. Bei der letzten Kinderparty, auf der ich war, hat übrigens jemand in den Pool gekackt. Gehen wir davon aus, dass es eins der Kinder war.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at