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Meinen Mann hab ich ja nur deshalb noch, weil es, als wir uns vor 15 Jahren kennenlernten, noch keine Smartphones gab.

Ein Handy hatte ich sehr wohl, es war ein Ding in der Größe eines Brotkastens mit knubbeliger Antenne und einzeiligem Display. Wenn man eine neue Nachricht lesen wollte, musste man erst eine alte löschen. Wir konnten also telefonieren und SMS schreiben, aber das – man kann es sich heut kaum noch vorstellen – haben wir nicht dauernd gemacht.

Es war ganz normal, sich ein paar Tage nicht zu hören. Hab ich ihn am Montag nicht erreicht, hat er mich vielleicht am Mittwoch zurückgerufen, und niemand hat sich über diese Nichterreichbarkeit gewundert oder echauffiert. Und während es logisch wäre, die vielfältigen Möglichkeiten der jetzigen Kommunikation besser zu finden als die Zeit, in der man manchmal vor dem Kino gewartet hat und nicht wusste, warum der andere nicht kam, hat das neue digitale Kanalsystem beziehungstechnisch ja nicht nur Vorteile.

Es herrschen ein wahnsinnig hoher Erwartungsdruck und rasende Ungeduld. Nachrichten müssen sofort beantwortet werden, sonst wird dem anderen jegliches Interesse abgesprochen. Wenn meine Single-Freundinnen mir von ihren Tindereien, Chats und Mails erzählen, möcht ich nicht tauschen. Wobei man heut ja gar kein Single mehr ist, sondern Mingle. Das kommt von mixed und Single und bedeutet, dass man eigentlich eine Beziehung hat (oder mehrere), es aber nicht so nennt. Man geht zusammen ins Restaurant und ins Konzert und ins Bett, hält sich jedoch auch alle anderen Möglichkeiten offen und Leute warm.

Typisch Generation Y, sagen die Experten, weil die Jungen von heute ihren verpflichtungsfreien Freiraum zelebrieren. Aber wie frei ist man, wenn jeder dank Social Media immer weiß, wo man wann mit wem war? Wir hatten eine andere Art von Freiraum: Privatsphäre. Auch in einer Beziehung. Und innere Ruhe. Heute berichten mir die Mingles von unklaren Friends-with-benefits-Arrangements, von ständigem Nachschauen, ob nicht doch eine Antwort gekommen ist, vom kränkenden Gefühl, wenn der andere die Nachrichten liest, aber nicht zurückschreibt (Seenzone) oder sich ohne Angabe von Gründen nie mehr meldet (Ghosting).

Karikatur: Thomas Selinger

Karikatur: Thomas Selinger

Wie viel Beziehungsstreit haben diese blauen WhatsApp-Häkchen wohl schon ausgelöst? Ich hätte da ja auch keinen Nerv dafür. Mein Mann und ich schreiben uns immer noch nur selten SMS (bei denen man nicht sehen kann, ob sie der andere schon gelesen hat) und telefonieren fast nie. Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen.

Mareike Fallwickl  arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at