601 Jahre Post in Sankt Gilgen

Zugegeben, wir kamen zu spät zum Jubiläum. Aber was sind ein paar Monate, wenn ein Gasthof schon 600 Jahre besteht? Schankrecht seit 1415 – damit gehört die „Post“ in St. Gilgen zu den alten Wirtshäusern Salzburgs, aber nicht zu den ältesten.
Offiziell gilt der Kirchenwirt in Leogang als am frühesten erwähnte Schenke, das erste Bier floss hier 1326. Leichte Verspätung zeigt da der „Gmachl“ in Elixhausen mit dem Geburtsjahr 1334. Seitdem ist das Haus im Besitz einer Familie und darf sich Österreichs ältester Familienbetrieb nennen. In der Stadt Salzburg rühmt sich die Blaue Gans der längsten Lebenszeit, seit 1350. Wobei der Vorkoster leise Zweifel an der Rangfolge hat: Schließlich wurde das Gasthofgut in Eben, heute eine Autobahnraststätte, schon 1076 als „Gastei“ beschrieben – das ist wirklich alt, da stand noch kein Stein der Festung Hohensalzburg.

Ist Alter ein Qualitätsmerkmal? Ja, wenn das Haus wie in St. Gilgen seine Geschichte auch würdig präsentiert. Da gibt es den wunderschönen Fries aus dem Jahre 1618, der zwölf Meter die Wand entlangläuft und bunt eine Hirschhatz bebildert. Wer würde sich heute noch trauen, für seine Wildwochen derart (wortwörtlich) auf den Putz zu hauen?

Dann der Weinkeller, der seine Fundamente schon 1330 gesetzt bekam: eindrucksvolle Gewölbe, wenn auch der Vorkoster mehr auf die kostbare Flaschenschar schielte. 1794 heiratete Nannerl, also Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, in der „Post“ den 15 Jahre älteren Johann zu Sonnenburg. Ein Frauenschicksal. Auch die Schwester Wolferls war ja hochbegabt und durfte sich nun, statt Klavier zu spielen, mit acht Bälgern herumplagen.

Der Vorkoster vergibt: 13 von 20 Punkten

Jetzt kommt, versprochen, die letzte Jahreszahl: 1999 übernahmen Katharina und Norbert Leitner den Traditionsbetrieb. Sie erhalten das Haus am Leben, haben auf dem Dach eine Terrasse für die Hotelgäste errichtet: der Blick! Und sprechen von einem Pool dort oben. Vor der Fassade unten schützt ein großer, gläserner Wintergarten vor all dem, was Salzburg an Wetterunbilden zu bieten hat. Man sitzt draußen und wird doch nicht nass. Auch ein Traditionsbetrieb muss sich entwickeln. Wer will, kann sich in eine museumsschöne Stube setzen. Doch an unserem Abend saß da niemand.

Tatsächlich wirkte der Fries auf unsere Speisenwahl ein. Vor allem Wild und Wald fanden auf die Teller. Steinpilze kamen klassisch heiß angebraten als Vorspeise (€ 17), hübsch von Lauch-Röllchen kontrastiert. Hirsch gab seinen Rücken für ein saftiges Carpaccio (€ 13,80), dem neben Rucola auch Artischocken assistierten. In die sämige Erdäpfelsuppe (€ 5,80) waren freundlicherweise Eierschwammerl geraten. Der milde Waller lag in feinem Sud (€ 21,60), das Wurzelgemüse war angenehm bissfest geblieben, erstklassig das Erdäpfelpüree dazu.

Kräftig die gebratenen Nüsschen vom Rehbock (€ 21) auf hausgemachten Nudeln. Zum Schluss jene Nachspeise, die es wohl noch in 601 Jahren geben wird: Marillenknödel (€ 8,80), reife Frucht in flaumigem Topfenteig, vermählt mit Butter und Bröseln – wir strahlten, wohl mehr als einst das Nannerl.

Hochsaison in St. Gilgen, die Preise der Speisen ließen es ahnen – aber trotz Stressbetrieb kein Wackler in der Küche. Das ist die Haube. Sie macht wahrscheinlich, dass dies alte Haus auch weiter einen guten Gasthof beherbergen wird.

Zur Post
Mozartplatz 8
5340 St. Gilgen
Tel. 06227/2157

Mister Vorkoster!
Bild: Marco Riebler

Bild: Marco Riebler

Er testet anonym die Gastronomie – und gibt unbestechliche Urteile ab.  Exklusiv im „Fenster“.