Plötzlich begehrt: Warum Berthold mehr Flüchtlinge will

„Schickt uns Flüchtlinge!“ Die Forderung, die Martina Berthold an den Bund richtet, mutet paradox an.

Noch vor einem Jahr hätte es die grüne Integrationslandesrätin selbst nicht für möglich gehalten, dass ihr in naher Zukunft ein solcher Satz über die Lippen kommen würde. Noch relativ frisch im Amt, kämpfte sie händeringend um Unterkünfte für eine stetig ansteigende Zahl von Flüchtlingen.

Der Druck war groß, sie warf  sogar  ihr Credo – „viele kleine Quartiere in möglichst vielen Gemeinden“ – über Bord und machte sich auf die Suche nach Großquartieren. Und verhandelte offenbar nicht immer geschickt.

Zwölf Monate später ist die Lage entspannt. Freude kommt trotzdem nicht auf. Jetzt stehen nämlich die großen Heime (teilweise) leer. Das wäre nicht so schlimm, hätte das Land nicht   gut dotierte  Sonderverträge abgeschlossen. Der Vermieter in Abtenau etwa kassiert 25.000 Euro monatlich für ein Gebäude, das auf dem freien Markt kaum verwertbar wäre.

Derzeit wohnt niemand  darin, der Vertrag ist jedoch bis 2019 unkündbar. Dieser Zustand ist für den Steuerzahler unerfreulich und für Berthold höchst unangenehm.

Die Betreiber der Heime –  Rotes Kreuz, Caritas und Co. – sind   ebenfalls „not amused“. Ihnen – die im vergangenen Jahr eine wichtige Rolle gespielt und die an Personal und Einfluss massiv gewonnen haben –  fallen hohe Summen aus den Taggeldern weg. Ihren Unmut darüber werden sie der Politik nicht vorenthalten. Auch deshalb ertönt der Ruf nach mehr Flüchtlingen.

Wie gut diese integriert und in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können, scheint derzeit eher  zweitrangig zu sein. Das alles  führt zu Naserümpfen in der Bevölkerung. Die Phase der uneingeschränkten Willkommenskultur ist selbst bei der Klientel der Grünen vorbei. Dass Berthold nun, trotz leerer Betten, sogar noch weitere  Kapazitäten schaffen will,  zeugt von ungebrochenem Idealismus, aber nicht von großem politischen Spürsinn.

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