Der Vorkoster war in Istrien

Tipps für Rovinj und wo man sitzend Neid erregen kann.

Wo trifft man im Sommer mehr Bekannte? In der Getreidegasse oder am Hafen von Rovinj? Eben. Und alle fragen nach Tipps: Hier sind vier.

Istrien boomt. In der Gegend wurde genug Geld verdient, um in Schönheit zu investieren. Weingüter errichten Prestigebauten (Kozlović!). Und Rovinjs Nachbarstädtchen Bale leistet sich eine neue/alte Pflasterung. Als Gast von La Grisa reibt man sich dort die Augen. Ist das Kroatien oder Italien? Beides. Auf der westlichen Hälfte von Istrien ist jedes Ortsschild in preußischer Akkuratesse zweisprachig beschrieben. Und Bale ist das Zentrum der italienisch sprechenden Minderheit. Im Hotel, das sich über drei wunderschön renovierte Altstadthäuser erstreckt, und im modernen Restaurant trägt Italienisch zum Urlaubsgefühl bei.
Kulinarisch treffen sich  Land und Meer. Geräucherter Seebarsch mit  mariniertem Gemüse oder Fuzi-Nudeln mit Esel-Ragout – schmeckt wie Fohlen. Große, festfleischige Muscheln im Sud oder feines Lammfilet. Exzellente Desserts: Lavendel-Halbgefrorenes mit Feigensauce oder Trüffeleis samt Sommertrüffel-Spänen mit Olivenöl. Gute Weine und  der Preis-Leistungs-Kaiser (14  Punkte).

Zurück zum Hafen Rovinjs. Zentraler als im Hotel Adriatic kann man nicht sitzen. Die Plätze draußen sind begehrt, man sieht und zeigt sich. Wobei das Freiluft-Sitzen eigentlich schade ist, denn in der Brasserie hat sich ein Innenarchitekt spektakulär ausgetobt. Er schuf ein Gehäuse mit schwarzer Decke, schwarzen Wänden. Gäste in Dunkelhaft? Eine exzellente Lichtführung verhindert es. Edel sitzt man in Lederfauteuils. Die Küche gibt sich französisch mit Pernod-Sauce zum Steinbutt. Was die Karte als Schweinsmagen (igitt!) anpries, erwies sich als wunderbar gebratener Schweinsbauch. Der Sommelier ist kundig, die  Preise sind erträglich (13 Punkte).

Man kann auch nur dasitzen und  Neid erregen. Wer einen Platz im Restaurant La Puntulina in Rovinj ergattert hat, sieht den oben Vorbeigehenden an, wie sie gelb werden. Zu schön kleben die drei Terrassen am Felsen direkt über dem Meer. Der Blick schweift aufs unbeschreiblich blaue Meer. Das Essen? Tadellos: frisches Meeresgetier von rohen Muscheln bis zur gebratenen Dorade mit Nüssen. Die Weinauswahl ist o. k., die Preise sind akzeptabel (13 Punkte).

Zum Schluss traf ein Vogel den Vorkoster exkrementell mitten aufs Haupthaar. Nach gründlicher Reinigung fiel ihm ein: Das bringt Glück. Tatsächlich: Er hatte mit dem Bakho einen Weinladen entdeckt, der alles Gute aus Istrien führt. Und eine Quergasse weiter durfte er in der Bar Piassa Granda bei der schönen Helena und ihrer Schwester jede Flasche auch glasweise verkosten. Das macht spannende Duelle möglich (Grimalda von Matošević, blaues gegen schwarzes Etikett zum Beispiel). Dazu gibt’s feine Kleinigkeiten. Man sitzt ganz italienisch, im Altstadt-Treiben –  schöner als in der Getreidegasse.

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Mister Vorkoster! Er  testet anonym die Gastronomie – und gibt unbestechliche Urteile ab.  Exklusiv im „Fenster“.

Die Bewertungskriterien:
Unsere Punktewertung orientiert sich an internationalen Regeln: 20 Punkte sind der Höchstwert.  9 Punkte und darunter: Kost mit groben Mängeln. 10 Punkte: deutliche Mängel. 11 Punkte: durchschnittliche Kost. 12 Punkte: gute Kost. 13 und 14 Punkte (eine Haube): sehr gute Kost. 15 und mehr Punkte (zwei bis vier Hauben): exzellente Kost.

Foto: Marco Riebler

Titelfoto: Vorkoster