Poststube 1327: Das Garum vom Traunsee

Sagt Ihnen nichts, „Poststube 1327“? Ist keine wirkliche Wissenslücke, das Wirtshaus hat erst im April aufgesperrt. Dahinter steht ein Name, den man sich merken sollte: Lukas Nagl.

Der Mann hat etwas Neues entwickelt, selten geworden in der Spitzengastronomie. Nämlich die Traunsee-Fischsauce. Dazu nutzt er den sonst wertlosen Beifang: Kleinfische werden mit Salz in eine Tonne geschlichtet. Die stinkt wochenlang grauslich, ehe die wundersame Wandlung beginnt, und nach einem Jahr wird der Saft mit Honig und Kräutern zu einer formidablen Würze gekocht, die kaum fischelt, aber jedes Aroma gut verstärkt. Auch bei uns steht ein Flascherl im Kühlschrank und tröpfelt in jede Sauce. Wobei geschichtsbewusste Menschen wissen, dass dieses Produkt etwas ganz Altes ist – als Garum genützt schon von den Römern.

Nagl kocht im „Bootshaus“, dem Restaurant des Hotels „Das Traunsee“ – und zwar so hervorragend, dass alle Kritiker schwärmen, auch der Vorkoster. Aber weil die Eigentümerfamilie Gröller ebenso das Hotel „Post“ besitzt, möbelte sie dort das Lokal auf, nannte es „Poststube 1327“ nach der ersten urkundlichen Erwähnung und betraute Lukas Nagl mit der kulinarischen Aufsicht. Womit sich eine hübsche Paarung ergibt: Fine-dining-Restaurant neben Wirtshaus, was schon bei den Döllerers in Golling so kundenfreundlich funktioniert.

Leberschädl in der Poststube 1327

Leberschädl in der Poststube 1327

 

Die „Post“ steht fest im Zentrum Traunkirchens, flankiert von einer „Greisslerei“, die auch am Sonntag offen steht, aber weniger Viktualien, mehr Gewand feilbietet. Die Vorkosterin steuerte auf einen wunderschönen Damenblazer zu und prallte angesichts des Preises ein paar Schritte zurück: 684 Euro. Wir sahen während des Mahls genau auf den Laden und alle Viertelstunde eine Kundin mit Beute im Sackerl herauskommen: Es gibt gut betuchtes Publikum in Traunkirchen.

So war uns der Kosten in der „Poststube“ wegen ein wenig bange. Das Lokal ist aufwendig auf edel hergerichtet: Fußboden aus dreifärbigem Marmor, ebenholzdunkel die Schank, die Lampen blitzen. Lukas Lepsic heißt der Koch, der hier Nagls Ideen umsetzt. Seine Karte enthält Erwartbares wie den Tagesfang aus dem See, wie Rostbraten, Beuschl oder Maishendlbrust, aber auch außergewöhnliche Speisen – und das zu wirklich erträglichen Preisen.

Die Vorkosterin seufzte auf: „Jiddische Hendlleber mit Preiselbeeren“, sofort bestellt, binnen acht Minuten geliefert. Ein Glas mit Schraubverschluss, oben die bittersüße Marmeladen-Schicht, drunter ein Aufstrich von exzellenter Intensität, selten so gut genossen. Und um 6,50 Euro eine unbezwingbare Menge, wir nahmen mit heim. Die Fischsuppe (€ 8,50) bot feinen, safran-durchzogenen Sud und neben Fischfilets als Gast auch einen ganzen Krebs, wieder schnurrte die Vorkosterin. Und bekam zum dritten Mal Glanz in die Augen: „Leberschädl“ hieß das Gericht, Leber faschiert und mit Brot im Rohr überbacken samt Erdäpfelpüree, Kren und Bratensaft serviert (€ 10,50), ein kräftiger Genuss. Ganz dünn der Teig für den knusprigen Fischstrudel (€ 14,50), aufgewertet durch karamellisiertes Kraut und senfige Sauce. Schön fruchtig zum Schluss der „G’schlamperte Apfelstrudel“ (€ 5,90) samt Vanilleeis.

Ob die Speisen so mundeten, weil die Fischsauce ihnen den Kick gab? Denkbar. Am Traunsee tut sich Gutes für Feinspitze: festlich tafeln im „Bootshaus“ und für den Alltag lockt die „Poststube 1327“.

Poststube 1327
Ortsplatz 5
4801 Traunkirchen
Tel.: 07617-2307

Der Vorkoster

Mister Vorkoster! Er  testet anonym die Gastronomie – und gibt unbestechliche Urteile ab.  Exklusiv im „Fenster“.

Die Bewertungskriterien:
Unsere Punktewertung orientiert sich an internationalen Regeln: 20 Punkte sind der Höchstwert.  9 Punkte und darunter: Kost mit groben Mängeln. 10 Punkte: deutliche Mängel. 11 Punkte: durchschnittliche Kost. 12 Punkte: gute Kost. 13 und 14 Punkte (eine Haube): sehr gute Kost. 15 und mehr Punkte (zwei bis vier Hauben): exzellente Kost.

Titelfoto: Marco Riebler