Wo bleibt die Liebe?

Selbstdarsteller verlernen die Zweisamkeit.

„Wir sind alle in dem Bewusstsein aufgezogen worden, etwas Besonderes zu sein. Deshalb ist Selbstverwirklichung unser großes Projekt.“ So philosophiert der Berliner Autor Michael Nast im Video für sein neues Buch – während er zu sehen ist, wie er abwechselnd durch nächtliche Straßen zieht und Bücher signiert vor Hunderten Lesern, die ihn feiern wie einen Popstar. Nast trifft mit „Generation Beziehungsunfähig“ offenbar den Nerv vieler Zeitgenossen, die sich in der alten Triade aus Heirat, Haus und Kindern nicht mehr wiederfinden.

Aber ist die Generation der 20- bis 40-Jährigen  wirklich beziehungsunfähig? „An sich sind wir soziale Wesen, die voneinander abhängig sind. Ein Kind bekommt man nicht allein“, sagt Psychologin Caroline Weinlich. Ein gesunder Selbstwert impliziere deshalb den Wunsch, mit anderen zu teilen. Ist der Selbstwert verletzt, sieht es anders aus. „Dann entwickelt der Mensch Minderwertigkeitsgefühle oder ein aufgeblasenes Ideal-Ich.“ Weinlich: „Und um meine Illusion von mir selbst aufrechtzuerhalten, lasse ich keine echte Nähe zu. Verschiebe die Liebe in den virtuellen Raum.“ So stürmen junge Menschen derzeit digitale Partnerbörsen wie Tinder, wo man sich den perfekt geschönten „Avatar“ basteln und suchen kann.

Eine Flucht also? Ja. Oder wie Weinlich sagt: „Der Feind meines Luftballons ist derjenige mit der Nadel. Also ein möglicher Partner.“ Denn eine zweite Hälfte aus Fleisch und Blut  gibt mir den täglichen Abgleich über die eigenen Ecken und Kanten. „Die meisten von uns riechen in der Früh eben nicht nach Blütenwasser. Sich mit Schwächen und Fehlern auseinanderzusetzen kostet aber Energie, man muss investieren“, sagt Weinlich. Als Ego-Booster sei eine Beziehung deshalb auf Dauer ungeeignet. Anfangs mag ein neuer Partner noch eine Bestätigung sein: Wow, selbst den oder die habe ich gekriegt! Im Alltag nutzt sich dieser Effekt ab.

Woher aber kommt überhaupt der verletzte Selbstwert einer Generation, die vermeintlich alles hat? Hebamme Barbara Wymetal-Hochleitner hat ihre eigene Theorie. Sie sieht die Wurzeln für Beziehungsunfähigkeit in der Erziehung angelegt. „Vor 50 Jahren ging es darum, ein kleines Wesen in ein System einzupassen. Heute steht die Individualität im Vordergrund, man will einen selbstständigen Charakter bilden.“

Viele Eltern würden zudem verabsäumen, Grenzen zu setzen. Ohne antifeministisch klingen zu wollen, spielt für sie die Berufstätigkeit der Frau hier stark hinein. Aus dem schlechten Gewissen heraus, zu wenig da zu sein, seien Frauen dann  nachgiebiger in der Erziehung.

Wenn jemand aber nicht lernt, wo die eigene Persönlichkeit endet und die des Nächsten beginnt, tut er sich im sozialen Umgang schwer. Ist das Kind – spätestens in der Schule – nicht mehr nur mit den Eltern in Interaktion, die ihm permanent sagen, wie toll es ist, stürzt es vom hohen Ross. Kontraproduktiv ist es auch, wenn Eltern ihre eigenen ungelebten Träume in den Kindern ausleben. Solche Kinder erleben sich oft als nicht angenommen, so wie sie sind. Das Ergebnis auch hier: Frust oder eben Angst, sich auf andere einzulassen.

Der Berliner Autor spricht von einer Generation der Selbstdarsteller. Das alles werde aber nicht zum Untergang der Menschheit führen, relativiert Weinlich, die in der Beziehungsunfähigkeit  ein vorübergehendes Phänomen sieht.  Die Menschen  müssen keine Nähe zulassen, finden  aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein Ventil: „Wenn sie dann mit (Mitte) 30 ihre Ausbildung abschließen und eine Familie gründen wollen, kommen sie raus aus dem virtuellen Versteck.“ Und so lange tricksen sie eben, was das Zeug hält.

Von Sigrid Scharf.