Sexy Utopia

Wer sich zu sehr in der Utopie verfängt, riskiert einen tiefen Fall. Zumindest aber riskiert man den Fall vom Sattel auf den Asphalt. Doch  Träume  sind nie verboten – selbst wenn sie mit Abschürfungen bezahlt werden. Und so träumt man von der Stadt, sogar von dieser, als Platz der Utopie, als jenem Ort, an dem die Zukunft nicht bloß erdacht, sondern erprobt wird.

Hier radelt man – mehr als auf dem Land – der Utopie einer besseren Welt flotter, schicker und überzeugter entgegen. Radfahren ist so furchtbar schick geworden, dass man bisweilen zu erblinden droht, wenn die grellsten Modetorheiten an einem vorbeirauschen. Doch das wahre Schicke des Radfahrens besteht nicht aus Äußerlichkeiten. Eine Stadt aus Rädern, geruchsfrei und abgasbefreit, schön also und dynamisch – darum geht es, um einen nachhaltig besseren Ort.

Klingt naiv? Bei der aktuellen Überfüllung von Radwegen aber hört sich das Naive auf und wird ersetzt durch Hoffnung. Die Utopie einer  Rad-Welt liegt jedem nahe, sogar denen, die sie verparken auf Asphaltflächen, deren einziger Sinn das Abstellen ist.

Diese Utopie, die mit dem Fahrrad verbunden ist, das Lob des Fahrrades also, basiert auf einer simplen Logik: Die Vorzüge des Fahrrades leuchten jedem ein, weil sie jeder gespürt hat. Denn wer von den Vorzügen des Fahrrades spricht, spricht immer auch von sich selbst. Der französische Philosoph Marc Augé fasst das einfach zusammen: „Das Fahrrad gehört zur Geschichte eines jeden von uns.“

Und in dieser Geschichte gibt es diesen einen Moment, der die Welt öffnet – oder zumindest immens erweitert: Es ist der Moment, in dem wir Rad fahren lernen. Dieser Augenblick gehört zu den besonderen jeder Kindheit und der Jugend. Und dieses Besondere brennt sich ein in die Biografie wie die erste große Reise, der erste Kuss. So bedeutet das Sprechen (oder Schreiben) übers Radfahren immer auch ein Erinnern.

Und mehr noch bedeutet es ein Heraufbeschwören der Erinnerung an jenen Augenblick das Losfahrens, in dem der Wind zum Gefährten wurde und in dem sich der Bewegungsradius – und also auch die kleine, eigene Welt – durch ein paar wenige Tritte in die Pedale weit über den Horizont hinaus erweitert hat.

Bernhard Flieher ist Kulturredakteur der „Salzburger Nachrichten“ und schreibt auch einen Radblog auf www.salzburg.com.