Sind Sie ein Kampfhund, Herr Kuss?

Was denkt ein Museumsaufseher? Das SF traf im Museum der Moderne Salzburg auf Kai Kuss.

Ist Ihnen nicht stinklangweilig?
Kai Kuss: Ich gebe zu – die Kunst und die Besucher fordern einen. Ein Aufseher ist auf sich allein gestellt, das kann psychisch belastend sein. Ich kann mir aber nichts Schöneres vorstellen – der Job ist Broterwerb in angenehmster Form.

Wie lange dauert Ihr Arbeitstag?
Acht Stunden mit Pausen.

Da hat man viel Zeit zum Nachdenken.
Man entflieht dem Alltag im Museum.  Wenn weniger los ist, kann ich mich meinem Kopfkino widmen. Selbst kreativ werden und mich von der Kultur inspirieren lassen.

Fühlen Sie sich nicht oft wie ein Kampfhund? In der Ecke sitzend, mit streunendem Blick?
Es gibt einen Codex, wie man sich im Museum verhalten soll. Ich fühle mich provoziert, wenn jemand Objekte, die nicht berührt werden dürfen, zum x-ten Mal berührt. Manchmal werde ich dann zum verbalen Kampfhund.

Kommt das oft vor?
Die häufigste „Provokation“ für mich ist die Frage: „Wie halten Sie es in dieser faden Ausstellung aus?“ Das schmerzt am meisten, weil es Schwachsinn ist.

Mögen Sie jedes Werk?
Nein. Die Kunst ist viel zu heterogen. Niemand kann alles mögen, allerdings habe ich eine Loyalität gegenüber den Künstlern.

Gibt es Werke, von denen man sich absieht?
Ja, dann ist es schwache Kunst.

Sie sehen aus wie ein Künstler. Sind Sie einer?
Ich bin Performance-Künstler. Ich konnte in den 1990er-Jahren von meiner Kunst leben, heute ist das nicht mehr der Fall. Im Jahr 2000 war schlagartig Schluss. Man muss mit Kunst nicht permanent erfolgreich sein.

Welche Performance?
Ich lege mich als Leiche an die Salzach und filme die Reaktionen der Passanten. Tanzperformance ist ein weiteres Standbein.

Träumen Sie von einer eigenen Ausstellung hier?
(lacht) Das gab es ja schon. Ich wurde selbst schon ausgestellt.

Sie beaufsichtigten Ihre eigene Ausstellung? 
Ja, das war Stress. Ich wollte möglichst weit weg von meinen Werken sein. Versteckte mich quasi. Es war für mich peinlich, die Besucher zu beobachten, wie sie auf meine Werke blickten. Das Museum ist wie mein eigenes Wohnzimmer. Mir ist lieber, wenn andere Künstler ausstellen.

Verspüren Sie Neid gegenüber  Künstlern?
(lacht) Dann hätte ich mich schon den Mönchsberg hinuntergeworfen. Zum Glück nicht. Viele Künstler verspüren extremen Neid gegenüber Kollegen. Ich freue mich über coole Kunst.

Was, glauben Sie,  denken Besucher, wenn sie Sie sehen?
Ich bin nicht so passiv. Wenn Menschen ratlos sind, spreche ich sie an.

Was heißt ratlos?
Manchmal unterhalten sich Besucher: „Das kann ich mir nicht vorstellen, dass das Kunst ist“ oder man sei ja sehr tolerant, aber das geht zu weit. Ich will ihnen künstlerische Orientierung geben. Nur wenn sie Informationen über den Künstler haben, verstehen sie auch die Werke.

Was erwarten Besucher?
Einige haben falsche Erwartungen. Es wird harmonische Schönheit und handwerkliches Können erwartet. Ist das gegeben, kommt eine Ausstellung gut an. Es gibt aber andere Formen der Kunst.

Täuscht es oder hetzen viele durchs Museum?
Nein, das stimmt. Wo man sich  Zeit nehmen müsste, sind viele nicht bereit. Von einem Museumsbesuch profitiert man aber nur, wenn man Zeit investiert.

Was empfinden Sie?
Ich empfinde Wut. In den Arbeiten stecken Stunden. Ein Großteil versteht die künstlerische Aussage der Werke nicht, weil sie keine Zeit haben, sich darauf  einzulassen.

Ersetzen Instagram und YouTube das Museum?
Im Gegenteil. Das Bedürfnis, realen Raum zu erleben, steigt.

Ist der Mönchsberg  ein guter Museumsort?
Das war mein größter Wunsch, dass hier ein Museum entsteht. Vor allem  Guggenheim hätte ideal hierher gepasst. Salzburg braucht ein modernes Museum.

Ist moderne Kunst nicht eher etwas für die Großstadt?
Es besteht heftiger Kontrast zwischen dem Festspielbetrieb, der Internationalität suggeriert, und der Kleinstadt. Das Museum der Moderne Salzburg versucht, internationales Flair ganzjährig zu schaffen. Die internationalen Touristen tun dem Museum gut.

Wie sieht Ihr Wohnzimmer aus?
Das Museum ist mein intellektuelles Zuhause. Mein Wohnzimmer sieht ähnlich aus – ein Kunstwerk neben dem anderen.

Was soll von Ihnen bleiben –  der Künstler oder Aufseher?
Ich bezweifle, als Aufseher in die Geschichte eingehen zu wollen. Ich will mich wieder ganz der Kunst widmen. Meine Tätigkeit im Museum verpufft. Die Werke bleiben.

Interview und Foto: Marco Riebler