Digital Notive

Es gibt ein Foto von meinem Opa, schwarz-weiß und mit gezacktem Rand, da sitzt er auf einem Motorrad und sieht ein bisschen aus wie James Dean. Ich liebe dieses Bild, weil mein Opa darauf unverschämt fesch ist und weil es einzigartig ist – es gibt dieses Foto nur ein einziges Mal. Ich sehe meinen eigenen Anfang darauf. Meine Oma – die mit der geschwungenen Brille und dem 50er-Jahre-Kurzhaarschnitt eher aussah wie der junge Harald Schmidt – hat sich dieses James-Dean-Schnittchen gekrallt, sie sind nach Österreich gezogen, ihre zweite Tochter ist meine Mutter. Und heute gibt es Snapchat. Das hat jetzt auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, bei genauerem Hinschauen aber sehr wohl.

Karikatur: Thomas Selinger. www.seli.at

Karikatur: Thomas Selinger. www.seli.at

 

Ich bin nämlich ein Digital Notive, und nein, ich hab mich nicht vertippt, da steht mit Absicht ein o, weil wir aus der Generation Anfang 80er-Jahre eben keine Digital Natives sind. Meine Kinder werden nie das Geräusch einer Wählscheibe hören und sie werden auch nie die Strapazen kennenlernen, viermal auf die 9 drücken zu müssen, um in einer SMS ein Z zu schreiben. Aber ich kann mich noch erinnern an das Klacken im Münztelefon, kurz bevor der letzte Schilling verschluckt war. Genau wie an die alten Kameras mit 24er-Filmen. Da hab ich bei jedem Motiv nur einmal abgedrückt und gehofft, dass es was wird, unwiederbringlich war so ein Bild, und wenn es nach dem Entwickeln tatsächlich schön war, hab ich es eingerahmt oder in ein Album gesteckt, um es zu behalten und anzuschauen bei Gelegenheit. Heute kann jeder Sonnenaufgang, jedes Blümchen, jedes Selfie 47 Mal eingefangen, gefiltert, gepostet, gesharet, gesnappt, geliked und wieder gelöscht werden. Ein Handybild ist oft beliebig und irgendwie wertlos, weil massenhaft vorhanden.

Auf Snapchat ist ein Foto gar nur für wenige Sekunden oder Minuten zu sehen, dann verschwindet es einfach – für immer. Ist das schlecht? Nicht unbedingt. Ich nutze die modernen Errungenschaften ja selbst auch und bin froh drum. Sentimental macht es mich aber trotzdem. Weil es mir das Gefühl gibt, dass wir verlernt haben, Dinge zu schätzen und zu bewahren, dass wir uns immer mehr an das Flüchtige und Hektische gewöhnen und den Moment selbst zusammen mit den 46 überflüssigen Selfies löschen. Wie mit den Fotos gehen wir auch mit den Menschen und unseren Beziehungen um, schnell sind sie wieder aus unserem Leben verschwunden. Deshalb fahre ich so oft wie möglich zu meinen Großeltern, unterhalte mich mit ihnen, esse Omas Apfelkuchen und suche in der Fotokiste nach dem Bild, auf dem mein Opa ein bisschen aussieht wie James Dean.