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SF39/09
"WILDe Natur"

Werbung für Mangelware


Foto: Neumayr
Foto: Neumayr

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. So gesehen ist der Weg klug gewählt, über den die Pinzgauer Jäger den nichtjagenden Teil der Bevölkerung einkochen wollen. Über die Lust am Essen nämlich. Womit sie auch des Vorkosters Interesse weckten. Allerdings birgt ihre Aktion einige Merkwürdigkeiten.
Anlass der Aktion war das Image-Problem, also das Bild der Jäger in der öffentlichen Meinung. Da sitzt Georg Meilinger, der Bezirksjägermeister des Pinzgaus, auf einer Pressekonferenz und gesteht in die Kamera, dass die Leute die Jäger „immer ein bissl des Trophäenkults bezichtigen“. Stimmt. Dabei, so der Waidmann weiter, bringe die Jagd ein ebenso gesundes wie wohlschmeckendes Nahrungsmittel hervor: das Wildbret. Sprach’s und lud die Journalisten zu Gamswurst und Hirschschinken.
Um Wild zu bewerben, ward heuer ein „Vorzeige-Projekt“ des Nationalparks Hohe Tauern ins Leben gerufen namens „WILDe Natur“ – mit finanzieller Unterstützung der EU. Auf der Homepage dieser Aktion ist zu lesen, dass allein der Pinzgau jährlich 100.000 Kilo Wildbret hervorbringe, jeder Österreicher pro Jahr aber nur 0,6 Kilo verspeise: „Warum Wild so selten auf dem Speisplan steht, ist schleierhaft.“ Der Schleier mag sich beim Betrachten der Zahlen lüften.
Die 2150 Pinzgauer Jäger erlegen pro Jahr rund 3000 Hirsche, 2500 Rehe und 1000 Gämsen, zusammen 6500 Stück. Den Verkauf des Wildbrets an Gastronomie und Einzelkunden hat die Tauernlamm-Genossenschaft übernommen. „Wir haben im Jahre 2008 insgesamt 1500 Stück Wild von den Jägern bekommen“, sagt deren Geschäftsführer Robert Zehentner. Die übergroße Mehrheit von 5000 Stück Wild landete also in den Kochtöpfen der Jäger, ihrer Freunde und Bekannten. Zehentner weiter: „Wir haben’s eher knapp, könnten weit mehr verkaufen.“ Wieso also machen die Jäger die Bevölkerung heiß aufs Wildessen, wenn es nicht zu viele, sondern zu wenige Rehe, Gämsen und Hirsche für den Handel gibt? Wieso wird EU-Geld ausgegeben für eine „Vorzeige-Aktion“, in der eine Mangelware beworben werden soll?
Nun ist es beleibe nicht so, dass die Jäger die Pinzgauer Wälder leer schießen. Fürs Rauriser Tal gestand sogar der Bezirksjägermeister in „Radio Salzburg“ einen Überbestand an Rotwild ein, das baumschälend Schäden am Wald verursacht. Wobei die Waldbauern deshalb ruhig blieben, weil manche selber jagen und anderen die Jagdpacht mehr einbringt als das Holz. Immerhin hat der Bezirksjäger zugesagt, die Hirsche künftig kürzer zu halten.
Die Mangelware Pinzgauer Wild zu erbeuten, gingen wir also früh auf die Pirsch – genauer gesagt: zur Schranne, ganz hinten, zum Tauernlamm-Stand. Nun muss der Jäger weiter die alten Hirsche schießen – schon, um an die Trophäen zu kommen –, aber man mutet dem Publikum nicht mehr zu, das Fleisch dieser Senioren mit tagelangem Beizen kau- und verdaubar zu machen. Sie enden wie alte Gämsen in der Wurst. Was wiederum das Sortiment bereichert, auch um Schinken. Wir nahmen davon, dazu einen Hirschkalbsbraten plus ein Stück Filet.
Die Würste sind daumendick, zeigefingerlang und hart. Dünn aufgeschnitten schmecken sie intensiver als alles, was der Metzger aus Schwein, Kuh oder Kalb fertigt. Wobei dem Vorkoster das Modell Gams noch ein wenig interessanter vorkam als das Modell Hirsch. Von dem allerdings ein bemerkenswerter Schinken stammt: komplett mager, von dunkelroter Farbe und geschmeidiger Textur, wunderbar wildwürzig – eine Delikatesse. Hübsch auch die Sulz aus gleicher Quelle. So wird der späte Hirsch zum nützlichen Mitglied der Nahrungskette. Das junge Tier, auch Kalb geheißen, ergab einen saftigen Braten, war im französischen Bräter angenehm zart geworden. Und das Filet erst: rosig noch innen, für die Vorkosterin das Beste, was ihr an Fleisch zwischen die Zähne kommen kann.
Der Vorkoster kann die Jäger verstehen, die den jungen Hirsch mit Vorliebe selber essen. Aber vielleicht hat er nur zu kurz gedacht. Vielleicht soll die Aktion „WILDe Natur“ so eine Nachfrage nach Hirsch, Gams und Co erzeugen, dass die Jäger gar nicht anders können, als schießend zu liefern.
Nun macht also auch der Vorkoster Reklame für Pinzgauer Wild – natürlich ohne EU-Geld zu empfangen. Aber was gut ist, ist gut.

Tauernlamm Genossenschaft, Eschenau 11, 5660 Taxenbach,
Tel. 06416-7517,

www.tauernlamm.at
www.hohetauern.at
 


 

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