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Die Rache der Tiere
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 Vegetarisches auf Gut Aiderbichl |
Die große Schnauze schob sich über unseren Tisch und stupste die Suppentasse an, viel Inhalt schwappte aufs Tablett. Die Nüstern blähten sich kurz, der nächste Vorstoß galt den Tellern mit den Hauptgerichten. Der Vorkoster wehrte sich mit aller Kraft. Der Kampf ums Mittagessen hatte begonnen, ein Kampf, den wir nicht gewinnen konnten. Immerhin durften wir lernen, wer hier der Herr ist.
Wir aßen auf Gut Aiderbichl bei Henndorf. Auf dem Rundgang zuvor hatte die Führerin schon angedeutet, dass die freilaufenden Esel sich gern ins Mahl einmischen – mit der selben Nachsicht, die Eltern ihren antiautoritär erzogenen Kindern entgegenbringen. Die Langohren stammen, so hörten wir, aus Griechenland, wo sie ausgesetzt würden, wenn sie ihre Tragarbeit nicht mehr schaffen, oftmals gefesselt und dem Hungertod geweiht. Beglückt vernahmen wir, dass Michael Aufhauser die armen Esel diesem traurigen Schicksal entreißt und sie ihren Lebensabend im Flachgau verbringen lässt. Allerdings wirkte unser Gegner jung und verflixt kräftig.
Gut Aiderbichl als Gnadenhof und Streichelzoo ist mit seinem vielfachen Millionenumsatz Salzburgs erfolgreichster Landwirtschaftsbetrieb – mit 70 Beschäftigten, mit 75 Hektar Weidefläche und 250.000 Besuchern im Jahr. Und es gibt nicht mehr nur das eine Gut, es gibt inzwischen elf Höfe unter diesem Markennamen, fünf dazu gepachtet rund um den Stammsitz in Henndorf, andere in Niederösterreich und Kärnten, einer auch 365 Tage im Jahr besuchbar in Bayern. Tausend Tiere leben hier, allesamt seien sie vor einem tristen Schicksal gerettet worden, erfahren wir. Und es sind diese Schicksale, die die Menschen nach Henndorf holen, die sie serienweise Fernsehsendungen anschauen lassen, in denen es auch um das Gute geht, das letztendlich siegt.
Wie in der Geschichte von Francis, dem 1400-Kilo-Stier, der in den Libanon zum Schlachten gebracht werden sollte, den aber der Tierhändler aus Mitleid stattdessen im Gut Aiderbichl abgab, weil ihm das Tier so zutraulich die Hand leckte. Oder der inzwischen 30-jährige Schwarze, der den Zirkusdirektor dauerte, weil er nicht mehr durch die Manege galoppieren konnte. Doch durch den Hof hüpfen – zur Freude der Kinder – einige sehr junge Tiere: Sex im Altersheim? Nein, wir züchten nicht, sagte die Führerin. Aber einige Stuten kommen trächtig zu uns. Wer auf dem Gut geboren wird, darf lebenslang bei uns bleiben. Als Frühpensionist. Kein Wunder, dass der Esel nicht ausgelastet ist.
Immerhin ließ er kurz von uns ab. Auf dem verwaisten Nachbartisch stand nämlich ein halb leer gegessener Teller mit Pommes Frites, die er sich genussvoll reinzog. Benjamin, lass das!, kam von einem Pfleger über den Platz, was den wenig beeindruckte. Wir hatten uns vor dem Besuch gefragt, was wir in dem 250 Plätze fassenden Restaurant wohl bekämen. Auch Fleisch? Gestern lief es noch als Schwein herum, heute wird es als Schnitzel serviert? Nein, das Angebot im Selbstbedienungs-Buffet ist vegetarisch. Wir essen also keine Tiere, wir essen ihnen nur das Futter weg.
In der offen einsehbaren Küche dampften vier Fritteusen für Pommes Frites und für gebackenen Camembert. Besser nicht. Wir nahmen eine Frittatensuppe mit einer Gemüsebrühe als Basis und eine Zucchinicreme-Suppe, beide ziemlich fad. Verständlich, dass Benjamin sie verschmähte. An den mit Reis gefüllten Paprika mit Tomatensauce und Kartoffel hingegen war er höchst interessiert, obwohl die noch fader schmeckten. Aber immer noch eine Spur besser als der Nudelauflauf, der ganz ohne Eigenschaften auskam. Mit Hilfe eines Überraschungsangriffs eines zweiten Esels von links schaffte es Benjamin, uns eine Paprika vom Teller zu fressen, was nicht wirklich schlimm war, weil wir sie ohnehin als ungenießbar übergelassen hatten. Zum Dessert wollten wir vom Gastgarten ins Restaurant gehen, aber eine Besucherin warnte uns, dass drinnen die Ziegen räubern. So aßen wir den Kuchen wieder mit der linken Hand und hielten mit der rechten ein Langohr auf Distanz. Wobei einer der Angreifer der Taktik wechselte und mit den Zähnen an der Tischdecke zog, glücklicherweise nicht stark genug. Zugegeben: Dieser Kampf war das Interessanteste an einem Mahl, dessen Standard und Preise man sonst nur von Autobahnraststätten gewohnt ist.
Vielleicht sollte sich das Gut Aiderbichl Gedanken machen über besseres und gesünderes Essen. Wenn schon nicht wegen der Menschen, dann wegen der Esel, in deren Magen ja ein Gutteil endet.
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| Anschrift: | | Gut Aiderbichl
Berg 20, 5302 Henndorf
Tel. 0662-625395 |
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