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SF05/10
"Schuhbecks teatro" in München

Abenteuer, durchwachsen


Alfons Schuhbeck
Alfons Schuhbeck

Der Vorkoster muss sich schon jahrelang nach Alfons Schuhbeck gesehnt haben. Nach dem sehr barocken, sehr bayerischen Koch, der einst im „Kurhausstüberl“ zu Waging aufgeigte und im TV nicht vom Bildschirm wegzudenken war. Anders ist nicht zu erklären, dass der Anblick eines Plakates in der Freilassinger Fußgängerzone genügte, um ihn spontan buchen zu lassen. Eine Reise zu Alfons, in sein Ess-Theater nach München – und zwar mit dem Bus.
In der Zeit zwischen Buchung und Fahrt kamen die Zweifel, ob die spontane wirklich eine so gute Idee war. Aber wer 173 Euro pro Person investiert hat, der kann nicht mehr kneifen. Am Tag der Fahrt sah er’s dann positiv. Zwei Abenteuer: die erste Busreise des Lebens, zum ersten Mal ein Mahl im Zirkuszelt eines namhaften Koches. Schließlich ist das ein mitteleuropaweites Phänomen, diese Esstheater – man muss sie mal erlebt haben.
Wer mit dem Bus reist, hat offenbar Zeit zu verschenken. Abfahrt eines trüben Sonntags um 13.20 Uhr in Freilassing, Reise über die bayerischen Dörfer, wo der Chauffeur Paare wie uns aufgabelte. Und über die altsalzburgischen Besitzungen Tittmoning und Mühldorf ging’s nach München, zum Messegelände neben dem ehemaligen Tower des Flughafens Riem. Um 16 Uhr stand der Bus vor dem Zelt, Einlass ab 17 Uhr, Vorstellungsbeginn 18 Uhr. Wir hatten uns Taschenbücher eingesteckt.
Das Spiegelzelt ist warm innen, rot leuchtet der Himmel und binnen kurzem war die Bar gesteckt voll mit erwartungsfrohem Volk. Um die Zeit totzuschlagen, erfand der liebe Gott den Aperitif. Standard hier: Prosecco mit Himbeermark und Combucha. Kostete 9,50 Euro und schmeckte künstlich wie flüssiges Plastik. Man hatte Muße, die Mitgäste zu betrachten. Durchgehend hatten sich die Damen aufgeschwanzelt, die Herren zeigten sich freizeitmäßig. Geht unsere Gesellschaft den Weg der Russen – wo sie im Abendkleid kommt und er im Jogginganzug?
Als wir an unsere Tische durften, wartete dort schon die Vorspeise, die Teller von Clochen geschützt. Ein Clown macht gemeinsam mit den Kellnern viel Wind ums Abheben der Silberdinger. Lachs lag da, gebeizt und als Tatar, der übliche, langweilige Aufputz jeden Caterings.
O je, Alfons! Doch halt, man durfte ein Stück Rot-Weiß-Rot nicht übersehen: Rote-Rüben-Terrine mit Krenmus, witzig und intensiv. Als ob die Vorspeise ein Spiegel des Programms wäre: genauso durchwachsen geriet der Abend.
Da kamen Artisten aus besten russischen Zirkusschulen, atemberaubende Kraftakte zeigend, oder Damen, die so elegant wie todesmutig unter der Kuppel hingen. Zauberer, denen lebendige Tauben aus der bloßen Hand wuchsen und aus leichtem Tuch ein Kakadu samt Käfig. Zwischendurch, man muss ja auch Meter machen, wurde gesungen; und als das Niveau herab ging auf „Schuld war nur der Bossa Nova“, verschwand die Vorkosterin vor das Zelt zum Rauchen. Der Vorkoster überlegte, auch mit den Zigaretten anzufangen.
Die Suppe wurde serviert in heißen Tellern, binnen elf Minuten war das gesamte Zelt versorgt, das Service ist flink und professionell. Kartoffeln waren als Geschmacksbasis angegeben, nicht aber die viele Butter, die die Suppe bleischwer machte. Das Fleischpflanzl bestand nobel aus Kalbfleisch, was seine Konsistenz leicht Richtung Gummi verschob. Über allem schwebte ein Trüffelduft, so echt wie das Gold der Zeltstangen. Ein derart parfümierter Schaum belästigte auch das Hauptgericht; schade: das Kalbfleisch war schön saftig geblieben neben ordentlichem Rahmwirsing.
Ein dicker, schwitzender Engländer brachte richtig Stimmung ins Zelt mit dem bösen Humor der Insel, erstklassig jonglieren konnte er auch. Das Dessert war blutleer dagegen: geeister Kaiserschmarrn, Quittenstrudel usw. Alles etwas zu süß uns etwas zu kontrastarm, um gut zu sein – und zur Klasse fehlte jede Intensität.
Wir bezahlten noch einmal 50 Euro für eine Flasche deutschen Weines und zwei Flaschen Mineralwasser und ließen uns heimkutschieren. Nach elf Stunden war das Abenteuer vorbei.
Sehnsucht nach Alfons? Natürlich war der Star nicht da – und erst da fiel dem Vorkoster die alte Regel aus Waginger Zeiten ein: Das Essen war nur gut, wenn Schuhbeck selber in den Küche stand. Die Regel gilt leider weiter.

Schuhbecks teatro
Tel. 0049-(0)1805-599110
www.teatro.de
 


 

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