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SF10/08
Das Kind und der Massenmörder

von Heinrich Breidenbach

Eigentlich wollte ich mich dem Thema „Erinnerung“ in diesem „Bedenkjahr 2008“ verweigern. Was soll der Überfülle an diesbezüglichen journalistischen und politischen Hervorbringungen noch sinnvoll hinzugefügt werden? Wer immer noch nicht weiß, was von „Anschluss“, Holocaust und Nationalsozialismus zu halten ist, will und wird es nie mehr wissen. Das Thema ist entschieden.
Leider ist das falsch! Es gibt Denkweisen, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass sie im Österreich des 21. Jahrhunderts noch die Mehrheit eines Gemeinderates prägen können. Aber das ist so. Und es ist entsetzlich.
In der kleinen Gemeinde St. Pantaleon im nahen Innviertel existierte während des Nationalsozialismus im Ortsteil Weyer ein „Arbeitserziehungs- und Zigeuneranhaltelager“. Es gab dort Misshandlungen und bestialische Morde. 301 der in Weyer angehaltenen „Zigeuner“ wurden 1941 mit Viehwaggons in das Ghetto von Lodz transportiert. Keine und keiner von ihnen ist lebend zurück gekommen. Der in St. Pantaleon lebende Schriftsteller Ludwig Laher hat diese Verbrechen, sowie auch deren übliche Verdrängung nach dem Krieg, präzise recherchiert und in dem überaus lesenswerten Buch „Herzfleischentartung“ beschrieben.
Seither gibt es in St. Pantaleon auch den Verein „Erinnerungsstätte Lager Weyer“. Von diesem Verein ging die Initiative aus, symbolisch und stellvertretend für alle anderen, dem jüngsten und unschuldigsten Opfer des „Anhaltelagers“ eine Straße zu widmen. Es handelt sich um den Säugling Rudolf Haas. Das „Zigeuner“-Kind ist nur sechs Wochen alt geworden. Geboren und gestorben im Lager Weyer.
Können eine solche späte kleine Wiedergutmachung und Erinnerung wirklich ein Problem sein? Offensichtlich schon.
In der Gemeinde begann jedenfalls ein beschämender Eiertanz. Ein ehemaliger FPÖ-Gemeinderat startete eine wüste Polemik gegen „politische Namenszuteilungen“ und verstieg sich zu der zynischen Argumentation, dass dann auch die Straße, die zum Haus des Schriftstellers Ludwig Laher führt, in „Stalin-Allee“ unbenannt werden sollte. Man stelle sich vor, ein unschuldiges Kind und Opfer des Nationalsozialismus wird gleichgesetzt mit einem brutalen Diktator und Massenmörder. So weit, so schlecht. Ein paar Unverbesserliche wird es immer geben.

„Stalin-Allee“ ist gleich „Rudolf-Haas-Straße“

Das Unerträgliche aber ist, dass die Mehrheit des Gemeinderates von St. Pantaleon tatsächlich dieser Argumentation folgte. Der für die Straßennamen zuständige Vizebürgermeister meinte in der Gemeinderatssitzung vom 21. November 2007 zum Vorschlag einer „Rudolf-Haas Straße“ wörtlich Folgendes: „Es liegt auch ein Vorschlag vor, dass man im Bereich Wenger Höhe eine Stalinallee macht. Dies sind Vorschläge aus der Bevölkerung und wenn man auf das eingeht, muss man auch dies akzeptieren.“
Der Gemeinderat mit absoluter sozialdemokratischer Mehrheit fand, dieser Argumentation folgend, einen feigen „Ausweg“. Und zwar dergestalt, dass in St. Pantaleon auf Straßen mit Personen-Namen grundsätzlich verzichtet wird. Dies alles nur zu dem Zweck, eine Straße nach dem Opfer Rudolf Haas zu verhindern. Dagegen stimmte nur eine im Gemeinderat vertretene Bürgerliste. Ein Sozialdemokrat und zwei ÖVP-ler enthielten sich der Stimme.
So geschehen im Österreich des Jahres 2007, einen Monat vor Beginn des „Bedenkjahres“.
 
E-Mail:h.breidenbach@salzburger-fenster.at


 

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