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SF04/10 Müll-Skandal: 5.000 Tonnen gutes Essen jedes Jahr vernichtet
Salzburg: Pro Kopf und Jahr landen mehr als 20 Kilo bester Lebensmittel im Müll
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Während derzeit weltweit eine Milliarde Menschen unter Mangel-Ernährung leidet, entwerten in den reichen Ländern die Rabatt-Schlachten der Supermärkte die Produkte der Bauern. Die Folge: die Konsumenten werden dazu animiert, zu große Mengen einzukaufen. Davon landet immer mehr im Müll.
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 Der globale Nahrungsmittelskandal: Während rund eine Milliarde Menschen weltweit an Hunger oder Mangelernährung leidet, landen in den Industrieländern bis zur Hälfte der eingekauften Lebensmittel im Müll. Verlockt von der Supermarkt-Werbung, kaufen viele einfach zu viel ein. Fotos: Fotolia | Immer mehr Untersuchungen und Studien beschäftigen sich damit, den Müll genauer zu analysieren. Im Zentrum steht dabei die Frage: „Wie hoch ist der Anteil an Lebensmitteln, die eigentlich noch zum Verzehr geeignet gewesen wären?“ Erschütterndes Ergebnis: Wir können gar nicht so viel essen, wie wir produzieren. Eine Entwicklung, die, so sind sich Experten einig, den Gesetzen der heute praktizierten Wirtschaftsweise – so viel als möglich verkaufen – folgt.
Auch was im Müll landet, ist zuvor verkauft worden
Frei nach dem Motto: Auch ein weggeworfenes Joghurt wurde zuvor verkauft und hat Profit gebracht. Dazu wird das Kaufverhalten der Konsumenten mit Billigangeboten angeheizt, und durch die heutigen Lebensgewohnheiten verliert der Einzelne immer mehr den Überblick, was er an Essen zu Hause hat und was er tatsächlich braucht. In Salzburg ist die Situation ähnlich dramatisch wie in den USA und Europa allgemein. „Nicht nur, weil durch diese Entwicklung die Müllberge unnötig steigen, sondern auch, weil die Produktion von Lebensmitteln Ressourcen verbraucht und damit die Umwelt unnötig belastet.“ Das Abfall-Service Salzburg setzt nun auf die Vernunft der Konsumenten und startet, unterstützt vom Salzburger Fenster, einen Informations-Schwerpunkt mit dem Ziel, den Lebensmittelanteil im Restmüll zu senken und die Menschen zu einem bewussten Einkaufs- und Konsumationsverhalten zu animieren.
Weggeworfenes Essen könnte Hungernde mehrfach sättigen
Aufdecker Tristram Stuart beschreibt gezielte Lebensmittelvernichtung.
In seinem Buch: „Waste: Uncovering the Global Food Scandal“ (erschienen 2009 im Penguin-Verlag, www.penguin.co.at) beschreibt der britische Cambridge-Absolvent, Kleinbauer und Lebensmittel-Analyst Tristram Stuart erschütternde Tatsachen. „Die Welt hat ein Ernährungsproblem“, sagt er und belegt gleichzeitig, dass Bauern, Produzenten, Handel und Konsumenten gemeinsam zwischen 30 und 50 Prozent genießbarer Lebensmittel erst gar nicht konsumieren, sondern einfach wegwerfen. Und zwar im gesamten US-amerikanischen und europäischen Raum. Anders ausgedrückt: „Mit dem, was in diesen Ländern an frischem Essen im Müll landet, könnten die Hungernden auf dieser Welt gleich mehrere Male ernährt werden.“
Stuart hat zum Beispiel entdeckt, dass zwischen 40 und 60 Prozent der in Europa gefangenen Fische wieder zurück ins Meer wandern – allerdings sind sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Seine Kritik richtet sich vor allem auch an die großen Supermarktketten und deren „Wegwerfmentalität“. Hier sind genaue Auskünfte allerdings schwerer zu erlangen als bei Analysen des Haushaltsmülls, wie Dr. Galehr vom Abfall-Service Salzburg bestätigt: „Da wird vielfach abgeblockt, es gibt darüber bestenfalls Schätzungen.“
Zumindest so viel fand Stuart heraus: In den Supermärkten werden Lager absichtlich überfüllt, damit die Regale immer voll sind. Dazu werden Konsumenten durch Multipack-Angebote dazu verleitet, mehr einzukaufen als sie tatsächlich benötigen.
Schließlich würden auch überzogene „kosmetische“ Kriterien im Handel dazu führen, dass etwa ein Drittel oder sogar die halbe Ernte erst gar nicht im Regal landet. Passt die Größe nicht oder ist das Aussehen nicht genehm, heißt es schon: ab in den Müll. Dabei würde das Obst oder Gemüse auch noch mit Gift oder Farbe verdorben, wie Stuart behauptet, anstatt es für karitative Zwecke zur Verfügung zu stellen. Kein Wunder also, dass nicht alles Essen verzehrt werden kann.
Verschwendung ist vermeidbar
So landen in Österreichs Haushalten rund sechs bis zwölf Prozent der noch original verpackten beziehungsweise angebrochenen Lebensmittel im Restmüll, wie Analysen der Universität für Bodenkultur in Wien (BoKu) ergaben. Das ergibt zehn bis 20 Kilogramm pro Person und Jahr. In der Stadt Salzburg liegt man mit 29,5 Kilogramm deutlich über dem Durchschnittswert; rechnet man das übrige Bundesland dazu, so verringert sich der Wert etwas, nämlich auf durchschnittlich 17,7 Kilogramm pro Einwohner. Lebensmittel, die in der Bio-Tonne landen, sind hier allerdings gar nicht mitgerechnet, denn auch dort befinden sich neben Speiseresten und Obst- und Gemüseabfällen häufig frische Lebensmittel!
Rund neun Prozent des Inhaltes von Restmüll-Tonnen besteht aus Lebensmitteln, anders ausgedrückt: jeden Tag fährt ein Müllfahrzeug voll mit Essen nach Siggerwiesen. Am häufigsten landen übrigens Milchprodukte und Eier im Restmüll, gefolgt von Gemüse und Brot. Das Wegwerfverhalten ist nicht nur regional unterschiedlich, sondern hängt auch von Bildungsgrad und Alter ab, wie aus den – auch in Salzburg durchgeführten – Abfallanalysen hervorgeht. Generell wurde festgestellt, dass in „besseren Gegenden“ der Anteil höher ist, ebenso dort, wo vornehmlich jüngere Menschen wohnen. Dabei bräuchte es von Seiten der Konsumenten nicht viel, um dieses Verhalten zu ändern. „Schon die Verwendung von Einkaufslisten und ein wenig Nachdenken darüber, wie viel man tatsächlich verbrauchen wird, lassen den Lebensmittelüberhang in den Haushalten schrumpfen“, rät etwa Felicitas Schneider von der BoKu Wien.
Ernährung: Etwas läuft schief
National:
• Je Einwohner landen jährlich 10 bis 20 Kilo genießbarer
Lebensmittel im Müll.
• Pro Haushalt in Österreich werden 6 bis 12 Prozent der eingekauften Lebensmittel nicht verzehrt, sondern weggeworfen.
• Stadt Salzburg: die Menge der pro Jahr weggeworfenen
Lebensmittel beträgt 4.400 Tonnen, das entspricht rd. 370 vollen Müllfahrzeugen.
• Land Salzburg gesamt: über 9.000 Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr im Restmüll.
Global:
• Bis zur Hälfte der Lebensmittel in den Industrieländern landet im Müll.
• Gleichzeitig leidet rund eine Milliarde Menschen Hunger.
• 3.000 Mio. Barrel Öl wird für die Erzeugung nicht verzehrter Lebensmittel verbraucht.
Enorme Umweltbelastung
„Für die Herstellung der weggeworfenen Lebensmittel werden allein in den USA jährlich 300 Millionen Barrel Öl und ein Viertel des amerikanischen Frischwassers verschwendet“, heißt es in einer Studie des National Institute of Diabetes in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland. Zudem setzen die Lebensmittel beim Verrotten umweltschädliches Methangas frei. Tristram Stuart beklagt in seinem Buch die verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt: „Dadurch werden noch mehr Treibhausgase freigesetzt. Und es werden noch mehr Regenwälder gerodet, nur damit wir noch mehr Nahrungsmittel produzieren und noch mehr vergeuden können.“
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