Nachts im Heim: 55 Leute, ein Pfleger

Solch irrwitzig anmutende Betreuungsschlüssel sind  Standard in städtischen Altenheimen. Nun wirft ein  bedenklicher Vorfall  Fragen auf.

Vom Pflegenotstand ist derzeit in Salzburg oft die Rede. Im Hintergrund bleiben mögliche Folgen. Wie viele Pfleger schauen beispielsweise nachts auf die Bewohner eines Altenheimes? Werden Hochbetagte  vernachlässigt, weil  Pfleger überarbeitet oder gar nicht da sind? Ein Vorfall im Seniorenheim Taxham wirft solche Fragen auf. Am vorvergangenen Samstag um 18.15 Uhr hörten Hobbygartler, darunter die Autorin dieses Berichts, ein dumpfes Fallgeräusch und Krachen aus der Richtung des Altenheimes.  Im dortigen dritten Stock sahen sie auf der Terrasse einen Menschen liegen, daneben einen Rollstuhl.

Senior stürzt auf Terrasse –  kein Pfleger kommt

Da der Mann liegen blieb, machten sich die Gartler auf den Weg zum Verunfallten. Der zitternde 88-Jährige wurde wieder in seinen Rollstuhl gehievt. Erstaunlich seine Aussage: Er habe mehrmals den Rufalarm auf seinem Armband ausgelöst. Als  auch weitere Knopfdrücke unbeantwortet blieben, suchte man nach einer Pflegekraft. Im gesamten Haus war es  still, im dritten und auch im zweiten Stock  niemand zu finden, die Pflegerstützpunkte geschlossen. Nur im ersten Stock fanden sich zwei Angestellte am Stützpunkt.  „Wir haben keinen Alarm empfangen“, rechtfertigte der diensthabende Pfleger, warum niemand dem Senior  geholfen hatte.
Ebenfalls erstaunlich seine weiteren Bemerkungen: „Der Funk reicht wahrscheinlich nicht bis auf die Terrasse.“ Und an den Bewohner gewandt, der  in der Abendsonne sitzend aus dem Rollstuhl gestürzt war: „Was tun Sie denn  noch draußen?“

Wie kann so etwas passieren? Heimleiter Helmut Fallwickl meinte am Dienstag auf „Fenster“-Anfrage, er wisse noch nichts von dem Fall. Man werde die Angelegenheit untersuchen und bedauere diesen Einzelfall. Nur wenige Stunden danach teilte SPÖ-Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer dem „Fenster“ mit, die Technik sei schuld gewesen. Die Funkanlage habe auf der betreffenden Terrasse nicht funktioniert. Hagenauer veröffentlichte   eine Pressemeldung.  Aufgrund eines  Zwischenfalls werde die Stadt  die Funkanlagen all ihrer Seniorenwohnhäuser prüfen.

Doch warum war in dem Haus mit seinen 55 Bewohnern nur ein  diensthabender Pfleger zu finden? Anja Hagenauers Antwort lässt aufhorchen: „Der Nachtdienst ab 19 Uhr besteht aus einer Person. Das ist normal.“ Immerhin handle es sich um eine diplomierte Pflegekraft. Das sei in anderen Bundesländern nicht so.  Ob sie verstehe, dass bei solchen Arbeitsbedingungen die Pflege ein schlechtes Image habe, beantwortete die Sozialstadträtin nicht. Sie betonte, dass es um Seniorenwohnhäuser gehe, nicht um Spitalsabteilungen. In denen sei der Personalschlüssel nachts „auch nicht riesiger“.

Früh ins Bett, weil ab 19 Uhr nur eine Pflegekraft da ist

Das sitzt. Auf nochmalige Nachfrage, ob sie es angemessen finde, dass eine Pflegekraft Verantwortung für 55 Bewohner trägt (drei für die insgesamt 140 Menschen), lenkt Hagenauer etwas ein: „Wir wollen, dass der Spätdienst  bis 21.30 Uhr geht. Dann ist der Nachtdienst nicht bereits ab 19 Uhr alleine.“ Dafür gäbe es von der  Personalvertretung noch kein „OK“. Die Stadt, so Hagenauer, wolle eigentlich nicht, dass Senioren um 18.30 Uhr ins Zimmer oder gleich ins Bett gehen (müssen), weil niemand mehr für sie da ist.

Von Sabine Tschalyj

(Bildtext: Auf der obersten Terrasse im Seniorenwohnhaus Taxham blieb der 88-Jährige neben seinem Rollstuhl hilflos am Boden liegen. Gartler fragten sich: „Warum kommt kein Pfleger?“)

 

 

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