Go with the flow, oder: Alles im Fluss

Ich hatte letztens ein Gespräch mit jemandem, der älter ist als ich, wesentlich älter, so vierzig Jahre älter …

… und eigentlich sollte es nichts zur Sache tun, wie alt jemand ist, wenn man miteinander redet, in Wahrheit tut es das aber doch. Weil ältere Menschen oft – nett formuliert – belehrend sind oder zumindest sentimental.

Und ich versteh das, ich bin selbst sentimental, obwohl ich erst Mitte dreißig bin, aber Leute, es gibt keinen Schilling mehr und keine Festnetzapparate mit der langen gedrehten Schnur, man hört nie mehr das Geräusch von einem eintreffenden Fax, da kann man schon wehmütig werden.

Karikatur Thomas Selinger. www.seli.at

Der Unterschied ist jedoch: Trauert man dem, was man früher kannte und liebte, hinterher, erfreut sich aber trotzdem an den Annehmlichkeiten der Gegenwart – oder trauert man um die Vergangenheit und wünscht sie sich zurück, weil „früher alles besser war“ und „die jungen Leute ja keine Ahnung haben“?

In dem Gespräch, das ich geführt habe, war von einer derartigen Trauer nichts zu spüren, und das hat mich sehr überrascht. Ich habe Geschichten gelauscht, spannenden, interessanten Anekdoten von früher, als man noch Briefe schreiben musste in der Hoffnung, dass sie ankommen, als es noch aufwendig produzierte Hörspiele im Radio gab und man mit jemandem, der nach Kanada auswanderte, kaum Kontakt halten konnte.

Doch kein einziges Mal hat mein Gesprächspartner, der mir aus seinem Leben erzählt hat, so getan, als sei das alles besser gewesen – im Gegenteil. Er hat geschwärmt vom Internet und seinen Möglichkeiten, mit blitzenden Augen, er hat kopfschüttelnd gelacht über die alten Zeiten, mit emotionaler Verbundenheit und doch genügend innerem Abstand für Ironie, er hat interessiert gefragt und zugehört und sich sogar die Instagram-App auf meinem Handy angeschaut.

„Ich finde das so toll, wie Sie das machen“, hat er gesagt, ich hab mich gefreut – und zugleich gewundert. Da ist mir klargeworden, dass ich das nicht gewohnt bin. Normalerweise muss ich mich rechtfertigen und meine ganze Generation gleich dazu, muss die Erfindungen des dritten Jahrtausends verteidigen und das Positive daran hervorheben, muss erklären und beschwichtigen, nur um mit einem verächtlichen Kopfschütteln abgekanzelt zu werden.

„Alles verändert sich“, hat mein weiser Gesprächspartner schmunzelnd gesagt, „ist das nicht schön?“ Ja, das ist es. Und danach habe ich gedacht: So möchte ich sein, wenn ich alt bin. Mit beiden Beinen verwurzelt in den Geschichten der Vergangenheit und mit dem Kopf hellwach in der Gegenwart.

Mareike Fallwickl ist Texterin und Autorin