„Der Wolf ist uns sehr ähnlich“

Gudrun Pflüger lebte mit Wölfen. Wir brauchen sie, ist sie überzeugt. Und sie weiß: Der Wolf wird sich hierzulande weiter ausbreiten.

Sie ist mehrfache Berglauf-Weltmeisterin, überwand einen Gehirntumor und lebte in Kanada unter Wölfen. Die Radstädter Wildbiologin Gudrun Pflüger ist eine Kämpferin. Jetzt kämpft sie für die Reputation des Wolfes.

An der aktuellen Debatte über dessen Rückkehr stört sie, dass sie zu emotional geführt werde und die lautesten Stimmen von jenen kämen, die keine Ahnung von Wölfen hätten. Es brauche mehr Aufklärung, fordert sie daher, denn der Wolf werde sich in Österreich weiter ausbreiten.

SF: In der Filmdoku „Auf der Spur der Küstenwölfe“ sieht man, wie Sie ein Wolf am Hals beschnuppert. Hatten Sie keine Angst?
Gudrun Pflüger: Nein, in so einem Moment geht einem kein Gedanke mehr durch den Kopf. Ich habe mich vorher und nachher nie so sehr als Mensch gefühlt, weil ich alle meine Sinne gespürt habe. Wir haben diese ja als Reaktion auf unsere Umwelt ausgebildet, damit wir Gefahr erkennen. Ich lag auf der Wiese und das Schöne war, dass es die Entscheidung der Wölfe war, Schritt für Schritt ranzukommen.

Mitten in einem Wolfsrudel in Kanada: Die Radstädter Wildbiologin  Gudrun Pflüger kam dem Wolf ganz nah. Sie weiß, wie er tickt.  Bild: ZDF

SF: Sie erforschten den Wolf zehn Jahre in Kanada. Was fasziniert Sie an ihm?
Dass er uns Menschen so ähnlich ist, und dass er in verschiedenen Kulturen ganz anders wahrgenommen wird. Die Indianer in Kanada verehren ihn, sie sind Fischer, er kommt ihnen nicht in die Quere. In unseren Märchen frisst er die Großmutter, die Geißlein, wir haben Angst vor ihm. Wir haben den Wolf bei uns vor 150 Jahren ausgerottet und uns so die Chance genommen, ihn besser kennenzulernen. Jetzt kehrt er zurück und wir leben mit der Einstellung, die wir vor 200 Jahren hatten. Die Wahrheit ist, dass wir ihn brauchen.

SF: Wozu? Aktuell ist er den Bauern eine Plage …
Man muss Schafe von Wölfen trennen, ganz klar. Man wusste, dass der Wolf kommen wird. Man hätte schon vor sechs bis acht Jahren mit Schutzmaßnahmen beginnen sollen. Österreich hat diese Chance verpasst, wir waren nicht bereit, uns zur richtigen Zeit mit dem Wolf zu befassen. Aber der Wolf hat eine Schlüsselposition im Ökosystem, er ist die Gesundheitspolizei.

Der Mensch ist ein Ansitzjäger, er schießt auch gesunde, starke Rehe. Der Wolf jagt die schwachen, kranken, alten Tiere. Und auch kleinere wie den Fuchs. Außerdem denke ich, es schadet dem Menschen, und seiner Seele nicht, wieder aufmerksamer durch den Wald zu gehen. Wir können nicht alles kontrollieren, wir sollten mehr Demut vor der Natur haben.

SF: Warum reißt ein Wolf wie zuletzt im Pongau so viele Schafe auf einmal? Er kann sie nicht alle fressen.
Weil er verwirrt ist. In der Natur verfolgt ein Rudel Wölfe zum Beispiel ein Rudel Hirsche. Erbeuten die Wölfe ein Tier, hält alles an. Die Wölfe fressen, die Hirsche schauen zu, die Jagd ist vorbei. Eingezäunte Schafe können nicht fliehen, sie werden panisch, hören nicht auf zu laufen, wenn der Wolf ein Schaf reißt. Das irritiert ihn, die Jagd ist für ihn somit nicht vorbei.

SF: Sie sagten, der Wolf sei dem Menschen ähnlich …
Ja, wir projizieren unsere Ängste auf den Wolf, weil wir ihm so ähnlich sind. Wir haben einst parallel mit ihm gelebt, uns seine Jagdtechniken abgeschaut. Der Konflikt begann, als wir sesshaft wurden und Nutztiere zu halten anfingen. Der Wolf ist wie wir ein sehr intelligentes Lebewesen, hat ein stark ausgebildetes Sozialverhalten. Er lebt wie wir in einer Familie.

Die Elterntiere bleiben im Rudel zeitlebens zusammen, mit der ersten und zweiten Generation ihrer Jungen. Werden es zu viele, müssen die Jungen abwandern. Die polemische Forderung vom Abschuss ist übrigens sinnlos und bewirkt das Gegenteil von dem, was wir erhoffen. Denn die Leittiere haben das Rudel unter Kontrolle. Die anderen Weibchen dürfen sich wegen der Inzuchtgefahr nicht vermehren. Schießt man wahllos in ein Rudel, zerfällt es in mehrere.

Gudrun Pflüger: „Die beste Waffen gegen den Wolf sind nicht die Gewehre, sondern unser aufrechter Gang, unser Geruch und Wissen.“ Foto: SportImpuls

SF: In Österreich haben wir vor allem Einzeltiere. Werden sich Rudel bilden?
Ja, es werden sicher mehr Wölfe, Österreich ist „umzingelt“. In Niederösterreich gibt es schon ein Rudel mit Nachwuchs.

SF: Werden da die Probleme dann nicht explodieren?
Ich denke, dass sie sogar weniger werden. Nur ein einzelner Wolf sucht sich einfache Beute wie Schafe. Im Rudel kann Wild, das eigentliche Beutetier, leichter erlegt werden. Ich kenne kein Rudel, das Haustiere angreift. Wo es Herdenmanagement gibt, findet man in Wolfsmägen nur ein Prozent Bestandteile von Schafen. Das zeigen deutsche Studien.

SF: Wie gefährlich ist der Wolf für den Menschen?
Der Mensch fällt nicht in sein Beuteschema. Überlegen Sie, was wir essen. Wir stinken für ihn. Ich fürchte nicht den Wolf, sondern die Reaktion des Menschen auf ihn. Wir haben uns von der Natur entfremdet. Verhält man sich falsch, läuft man weg, kann es zum Angriff kommen. Gefährlich wird es, wenn Menschen beginnen, den Wolf zu füttern. Dann verliert er die Scheu. Es ist ein gr0ßes Experiment, wo es auch darauf ankommt, welche Erfahrungen der Wolf mit uns macht.

SF: Was tun, wenn man einem Wolf begegnet?
Nicht den Anschein eines Beutetieres erwecken, das heißt: Nicht weglaufen, aufrecht und ruhig bleiben, keine hektische Bewegung, sich langsam zurückziehen und dabei reden. Kommt der Wolf auf einen zu, heißt das nicht, dass er angreift. Wölfe sind scheu, aber auch neugierig. Unsere besten Waffen sind der aufrechte Gang, der Geruch und das Wissen. Deshalb ist Aufklärung so wichtig. Ich hatte mehrere Wolfsbegegnungen, und sie sind alle gut ausgegangen.

Von Petra Suchanek