Kennst mich noch? Nein. Oder vielleicht doch?

Kennen Sie das? Wenn Sie durch die Stadt gehen oder durch den Europark oder sonstwo, und dann kommt da plötzlich jemand auf Sie zu und redet mit Ihnen, und Sie denken: Wer, bitteschön, ist das?

Und Sie machen Smalltalk, tun erfreut, sagen irgendwas und hoffen, dass nicht auffällt, dass Sie keine Ahnung haben, mit wem Sie da grade plaudern, während Sie sich fragen, wo Sie dieses Gesicht bloß schon mal gesehen haben, wo denn nur, Herr im Himmel, wo – passiert Ihnen das auch?

Ich hoffe ja, denn mir passiert das oft, und dann wär ich nicht so allein damit. So oft, dass ich inzwischen dazu übergegangen bin, ganz offen zu sagen: „Bitte entschuldige, ich weiß nicht, wer du bist.“ Ich sage das entwaffnend und charmant und die Leute lachen, weil sie denken, ach, die Mareike wieder (die kennen mich ja anscheinend!) – und dann wird’s noch schlimmer.

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Dann sagen sie mir nämlich, wie sie heißen und auch, wo wir schon mal aufeinandergetroffen sind – und zu 70 Prozent weiß ich trotzdem nicht, wer mir da gegenübersteht. Ich schaue denjenigen an und mein Hirn rattert und rattert und findet keine Information. Ich vergesse nicht nur die Namen zu Gesichtern, ich vergesse auch die Gesichter und die ganzen Menschen dazu.

Das ist keine böse Absicht, ich filtere aus. Mein Kopf ist derart voll und überlastet, dass nicht so viel Speicherkapazität übrigbleibt, ich kann da gar nichts dafür. Nur darf ich das dann nicht zugeben, weil: Nachdem derjenige mir erklärt hat, wer er ist und woher wir uns kennen, muss ich so tun, als würd ich mich erinnern.

Wenn ich dann noch sage: „Es tut mir leid, ich weiß es trotzdem nicht“, lachen die Leute nicht mehr und charmant finden sie das auch nicht, hab ich schon ausprobiert. Und ich verstehe auch, dass sie beleidigt sind. Einmal hat jemand zu mir gesagt: „Du bist doch die Mareike, dich vergisst man nicht!“ Hätt ich darauf sagen sollen: „Aber dich schon“? Eben. Sie sehen sicher selbst, dass das nicht geht.

Um all diese Menschen zu trösten: Ich vergesse auch Gespräche, die angeblich stattgefunden haben, Termine, von denen ich anscheinend wusste, und Partys, bei denen ich offenbar anwesend war. Meine Familie und Freunde nennen das Ignoranz, ich nenne es selektives Gedächtnis. Ganz ehrlich, man kann sich doch nicht ALLES merken.

Wenn Sie mich also mal in der Stadt sehen oder im Europark, reden Sie ruhig mit mir! Und wenn ich Sie nicht erkenne, das ist wirklich nicht böse gemeint. Ich werde trotzdem charmant sein.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin. Mail: interaktiv@svh.at