Plädoyer für die graffelfreie Zone

Vier Stunden und zwei riesige schwarze Müllbeutel, gefüllt bis obenhin: Das ist die Bilanz meiner Ausräumaktion.

Ich hab das Spielezimmer der Kinder ausgemistet und ganz schön geschwitzt dabei. Weil: Obwohl wir es bei jedem Geburtstag und jedem Weihnachtsfest zu limitieren versuchen, haben die einfach zu viel Zeug. Vor allem zu viel Plastikzeug.

Karikatur: Thomas Selinger, www.seli.at

Geht es Ihnen auch so, dass Sie da irgendwann diese Welle an Klumpert überschwemmt hat, ausgelöst meistens von der liebmeinenden Verwandtschaft, dass die drübergeschwappt ist über Ihre Kinder und irgendwo in Ihrer Wohnung versandet? Ich war rigoros und herzlos.

Alles, was die Zwerge längere Zeit nicht angerührt hatten, hab ich weggeschmissen. Alles, was in Überraschungseiern oder bei Micky-Maus-Heften war, dieses Graffel aus billigstem Plastik, das eh sofort abbricht und nicht mehr funktioniert, hab ich entsorgt. Alles, bei dem was fehlt, von dem man denkt, dass man es sicher bald wiederfindet, während man es in Wahrheit nie wiederfindet, hab ich in die Müllsäcke gestopft.

Wären die Kinder da gewesen, sie hätten sich bestimmt schreiend an mich drangehängt. Das Kuriose aber ist: Ich hab alles in ihrer Abwesenheit entrümpelt – und es ist ihnen nicht mal aufgefallen. Ich war mir sicher, dass sie mir Vorwürfe machen würden, dass sie fragen würden: „Mama, wo ist das, Mama, hast du das gesehen, Mama, ich such das?“, aber nichts.

Weder am selben Nachmittag noch am Tag darauf oder eine Woche später. Und was sagt uns das? Dass sie das alles tatsächlich nicht gebraucht haben. Was ich auch immer wieder daran erkenne, dass sie meistens den größten Spaß ohne Spielzeug haben. Sie bringen sich gegenseitig zum Lachen, sie spielen und rennen und hüpfen – und haben dabei nix von dem, womit sie zu Weihnachten überschüttet wurden, in der Hand.

Oder sie basteln sich selbst was, und das ist dann garantiert plastikfrei: ein alter Umzugskarton wird zum Müllboot, die Decke am Stockbett macht eine Höhle, und bei meinen Großeltern in der alten Werkstatt an der Alm beschäftigen sie sich stundenlang mit Sägespänen, Kreide und Wasser. Da denke ich oft: So hab ich auch gespielt, damals, draußen, so war es immer am schönsten.

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich was gegen Spielzeug habe: Ich hab meine Barbie-Puppen geliebt, ich finde Knete cool und Bügelperlen, wir haben geniales Lego und Playmobil, mit dem man richtige Welten bauen kann. Die Sache ist nur: Es sollte auch Platz für die Fantasie bleiben. Und das mit dem Platz mein’ ich wörtlich.

Mareike Fallwickl arbeitet als freie Texterin und Lektorin